Heute mal wieder auf dem Plattenteller: The Who - Tommy

Der Musikgeschmack der Jugend in den 1970er Jahren orientierte sich sicher nicht an den abendfüllenden Opern der klassischen Musik. Die sind zwar bis heute noch auf den Spielplänen vieler traditioneller Häuser, allen voran der „Hügel“ in Bayreuth mit den Werken von Richard Wagner, aber das war für die Generation der als aufmüpfig angesehenen Studierenden der 68ger die Musik des Establishment. Der wurden harte Rockklänge entgegengesetzt, je lauter und schriller, umso besser.

Dennoch, der Mythos „Oper“ faszinierte nicht wenige Musiker vor gut 50 Jahren und einige machten sich daran, ihre einzelnen Musikstücken und Songs so zusammenzustellen, dass sie thematisch und musikalisch zueinanderpassten und inhaltlich ein roter Faden zu erkennen war. Der ersten Musikgruppe, der das mit einem weltweit anerkannten Erfolg gelang, war die britische Band The Who. 1969 brachten sie das vor allem von Gitarrist Peter Townshend komponierte und arrangierte Album Tommy heraus, das bis heute als die „Mutter“ der Rockopern gilt.

Die Band
Zu diesem Zeitpunkt konnte die Band bereits auf eine fast zehnjährige Geschichte zurückblicken. 1959 gründete Roger Daltey als Gitarrist eine Schülerband. 1961 kam Bassist John Entwistle dazu, ein Jahr später Gitarrist und Keyboarder Pete Townshend. Alle drei besuchten eine Schule im Londoner Nordwesten. Zunächst traten sie mit dem Schlagzeuger Doug Sandom auf, 1964 wurde er durch Keith Moon ersetzt und damit war die Urbesetzung von The Who zusammen. Erfolg gab es allerdings noch keinen, auch nicht unter anderen Namen, die sich die Band in ihren frühen Jahren wechselnd gab. Aufmerksamkeit fand man erst, als man nach Liveauftritten einen Großteil der Instrumente und Verstärker auf der Bühne zerstörte, was The Who schnell den Titel als „härteste Rockband der Welt“ einbrachte, den sie später durch einen meist aggressiven Musikstil bestätigte.
In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre stellten sich ersten Charterfolge ein, mit dem 1965 veröffentlichen Song My Generation schafften The Who eine Jugendhymne mit bis heute andauerndem Kultstatus. Es folgten weitere Songs, meist aus der Feder des exzentrisch auftretenden Pete Townshend, der mit seinem weit ausholenden Anschlag seiner Gitarre den „Windmühlenstil“ etablierte. Roger Daltrey konzentrierte sich fortan auf den kraftvollen Gesang, Entwistle prägte ebenfalls mit seinen Bassläufen die Musik. Keith Moon galt als einer der besten Schlagzeuger seiner Zeit, The Who waren in ihrer Urbesetzung somit vor allem eine Live-Band, die musikalisch wie auch in der Exzentrik ihrer Auftritte die Generation der Nachkriegskinder begeisterte. Auch als Keith Moon bereits 1978 an einer Überdosis Beruhigungsmittel verstarb, blieben The Who mit Moons Nachfolger Kenney Jones ganz oben auf der Liste der Top-Bands.
Auch wenn einzelne Musiker kamen und wieder gingen, Entwistle, Daltrey und Townshend gelang es in den folgenden Jahrzehnten immer wieder, den Who-Stil musikalisch auf die Bühne zu bringen einschließlich der Zerstörung des Equipments. Insgesamt soll Pete Towshend bis heute rund 3.000 Gitarren demoliert haben. Zwischendurch gab es auch einige Pausen bis hin zu Auflösungen, aber das sie ihr Handwerk nicht verlernt haben, bewiesen The Who immer wieder. 1985 beim legendären „Live Aid Concert“ im Londoner Wembley Stadion waren sie dabei und auch nachdem John Entwistle 2002 verstarb war die Bandkarriere nicht zu Ende. Im Gegenteil, sie dauert bis heute an. Comeback auf Comeback folgte und wenn nicht Corona dazwischen gekommen wäre, hätte es auch 2020 Liveauftritte von The Who mit Daltrey und Townshend als die Ikonen ihrer Zeit und Musik gegeben.

Kommen wir zurück zum Album Tommy.
In der Rockoper geht es um den Jungen Tommy Walker, der taub, blind und stumm wird, als er einer Gewalttat in der Familie miterlebt. Daraufhin Isoliert, misshandelt und immer wieder zweifelhaften Heilungsversuchen ausgesetzt flüchtet sich Tommy in eine eigene Welt. Er findet zum Spiel am Flipperautomaten und als er nach dem Zerbrechen seines Spiegelbildes all seine Sinne zurückgewinnt, wird er sogar zum Flipper-Weltmeister. Der Titel und die „Wunderheilung“ machen ihn zu einer Art Messias mit zahlreichen Anhängern. Die möchten Tommys Geschichte und seine daraus folgende Botschaft der „Wunderheilung“ kommerziell einsetzen, doch Tommy widersetzt sich dem und wird daraufhin von seinen Anhängern wieder verlassen. Dargestellt wird die Geschichte durch viele nahezu eigenständig stehende Songs, von denen Pinball Wizard wohl der bekannteste ist. Mitprägend ist der Song Christmas, in dem erstmals die Zeilen „See me, feel me, touch me, heal me“ auftauchen, die auch in den folgenden Songs des Albums immer wieder aufgegriffen werden. Insgesamt sind es 24 Stücke, aufgeteilt auf vier LP-Seiten. 21 davon hat Pete Townshend geschrieben, John Entwistle und Keith Moon steuerten zwei Stücke hinzu. Der Hintergrund dafür liegt wohl in der persönlichen Geschichte von Townshend, der in seiner Kindheit Missbrauch und Mobbing persönlich erfahren hatte und deshalb aus persönlichen Gründen diese thematischen Passagen der Tommy-Geschichte nicht selbst schreiben wollte. Ein weiteres Stück stammt im Original von Sonny Boy Williamson, einem US-amerikanischer Bluesmusiker, der seinen Song Eyesight to the Blind, später in Born Blind umbenannt, bereits 1951 aufgenommen hatte. Auf dem Tommy-Album findet sich der Song unter dem Titel The Hawker wieder.
Im Mai 1969 wurde das Album in Großbritannien und den USA veröffentlicht, schon wenige Wochen später stand des auf der Insel auf Platz zwei der Chats, in den Staaten auf Platz vier. Später gab es auch Versionen als die Bühnen-Oper,  als Musical oder als Film. Doch die Erfolge damit kamen trotz Weltstarbesetzung vor allem des Films, u.a. Tina Turner, Elton John, Jack Nicholson, Eric Clapton und Who-Sänger Roger Daltrey, selten an den des Musik-Originals mit aufwändig gestaltetem Album-Cover inklusive Poster und illustriertem Textbuch heran. Immerhin gab es 1993 für die Musical-Version einige Trophäen des renommierten US-Musical-Tony-Awards.
Rund um das Album und die Band gibt es noch viele Geschichten und Begebenheiten. Auf zwei sei hier noch hingewiesen: Die Verteilung der Songs auf zwei Vinyl-Scheiben ist mit der Seite Eins und Vier auf der ersten und zwei und drei auf der zweiten ungewöhnlich. Damit sollte wohl die Nutzung in einem automatischen Plattenwechsler ermöglicht werden. Die zweite Besonderheit betrifft John Entwistle. Sein Name ist auf dem Original-Album bei der Aufzählung der Komponisten falsch als „Entwhistle“, also mit „h“, geschrieben.
The Who haben mit ihrem aggressiven Musikstil und den ebenso gestalteten Konzertauftritten sicher den späteren Stilrichtungen u.a. des Punk oder Heavy Metall den ein oder anderen Weg geebnet. Dennoch nehmen sie mit ihrem musikalischen Gesamtwerk bis heute eine einzigartige Rolle ein. Und die Rockoper Tommy, deren Einzelsongs bis heute zum begeistert gehörten Repertoire bei Live-Auftritten der Band gehören, ist dabei weit herausragend. (Infoquelle: Wikipedia)

Unsere Serie "Heute mal wieder auf dem Plattenteller" stellt in loser Reihenfolge die Musik von Vinyl-Alben aus den zurückliegenden etwa 50 Jahren vor. Die Auswahl ist absolut willkürlich und der Anspruch, dass die jeweilige Musik allen Leserinnen und Lesern gefällt, wird mit einem Augenzwinkern schon gar nicht erhoben. Trotzdem viel Spaß beim Lesen und Eintauchen in die gute alte Plattentellerzeit, die ja offenbar nach und nach wiederkommt.

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