Der Dezember fühlt sich dieses Jahr mehr nach Frühling an als nach Advent. Aber vielleicht ist es genau das: ein Hinweis, Erwartungen loszulassen und den Zauber im Unperfekten zu finden. In meiner neuen Kolumne erzähle ich, wie befreiend das sein kann.

Mendig | von Daniela Raben

Es ist Dezember. Zumindest behauptet das der Kalender.
Draußen allerdings fühlt es sich an wie ein milder Frühlingstag mit leichtem Wintermotivationsproblem. Fünfzehn Grad, Sonnenschein, Vogelgezwitscher – fehlen nur noch die Flipflops vor dem Kindergarten.

Und während manche sich freuen, dass man ohne Handschuhe das Haus verlassen kann, stehen andere kopfschüttelnd da und sagen: „Also Weihnachtsstimmung kommt SO aber wirklich nicht auf.“

Da ist er wieder: unser alter Bekannter, die Erwartung.


„Erst wenn … dann …“ – Das Spiel, das keiner gewinnt

Viele Menschen verbringen einen Großteil der Adventszeit damit, auf etwas zu warten, das ihnen im Kopf als das einzig richtige Weihnachtsszenario abgespeichert ist:
Erst wenn es schneit, ist es Weihnachten.
Erst wenn der Baum perfekt aussieht, kann man genießen.
Erst wenn die Plätzchen gebacken sind, darf man sich besinnlich fühlen.
Erst wenn…

Und ganz ehrlich? Dieses „Erst wenn…“ ist ein Dieb.
Es stiehlt uns den Moment.

Denn wer entscheidet bitte, wie winterlich ein Dezember sein muss, damit wir uns freuen dürfen? Wer schreibt vor, wie ein Weihnachtsgefühl auszusehen hat?
Und warum eigentlich glauben wir, dass Glück nur dann vorhanden ist, wenn die Rahmenbedingungen exakt unseren Vorstellungen entsprechen?

Spoiler: Das tun sie nie.


Elternsein: Wo Erwartungen endgültig sterben

Seit ich Mutter bin, weiß ich eines mit Sicherheit: Erwartungen sind etwas für Menschen, die viel Freizeit haben.
Mit Kindern lernt man schnell, dass Planbarkeit ein zartes Einhorn ist – hübsch anzusehen, aber selten greifbar.
Es ist Advent und statt einer harmonischen Bastelstunde gibt’s Streit um den letzten Sternsticker.
Der geplante Nachmittag mit Keksduft und Weihnachtsmusik endet in einem Mehlmassaker.
Und die schöne Idee vom Adventsspaziergang fällt aus, weil jemand plötzlich doch keine Jacke, aber auch nicht keine Jacke anziehen möchte.


Freiheit beginnt im Kopf – auch im Dezember

Vielleicht sollten wir uns weniger auf das Wetter konzentrieren und mehr darauf, wie wir uns fühlen wollen.
Vielleicht darf Weihnachtsstimmung auch ohne Schnee existieren.
Vielleicht darf Advent auch bedeuten, abends einfach die Kerzen anzuzünden und zu denken: „Heute war genug.“
Vielleicht ist der Zauber dieser Zeit gar nicht vom Außen abhängig, sondern vom Blick, den wir nach innen richten.

Und ja: Wenn wir schon keinen Schnee bekommen, können wir uns wenigstens freuen, dass wir morgens nicht die Autoscheibe freikratzen müssen. Oder dass die Heizkostenabrechnung uns dieses Jahr nicht komplett in die Knie zwingt.

Wetterbeschwerden gibt’s ja ohnehin das ganze Jahr – zu kalt, zu warm, zu grau, zu trocken.
Vielleicht ist es Zeit zu sagen: Es ist wie es ist. Und heute suche ich das Gute darin.


Erwartungen loslassen. Stimmung einladen.

Wenn wir aufhören zu denken, Weihnachten müsste so oder so sein, entsteht plötzlich viel Raum für das, was wirklich zählt:
Echte Begegnung.
Echte Nähe.
Echte Momente, die nicht perfekt sein müssen, um wertvoll zu sein.

Das milde Dezemberwetter erinnert mich daran, wie befreiend es ist, sich nicht von äußeren Bedingungen abhängig zu machen. Von keinem Kalender, keiner Tradition, keiner Erwartungshaltung.
Nicht einmal vom Schnee.


Abschließender Gedanke

Vielleicht liegt der wahre Zauber der Adventszeit nicht im Schneefall, sondern darin, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind – und sich selbst die Erlaubnis zu geben, darin trotzdem Schönheit zu finden.