Kein Grund zur Panik: In Rheinland-Pfalz sind unangekündigte Tests passé – und das ist gut so. Warum das nicht das Ende der Bildung, sondern vielleicht ihr Neuanfang ist, erklärt unsere Kolumnistin – mit klarer Haltung, pädagogischem Hintergrund und einem Plädoyer für eine Schule, die motiviert statt bestraft.

Mendig |

Überraschung: Kein Überraschungstest mehr!

Kaum hatte das neue Schuljahr in Rheinland-Pfalz begonnen, sorgte eine bildungspolitische Nachricht für hitzige Diskussionen: Unangekündigte Leistungstests sollen künftig verboten sein. Und siehe da – plötzlich haben selbst die, die sonst kaum ein Auge auf das Schulgeschehen werfen, eine ganz klare Meinung dazu. Es scheint, als wäre dies der Tropfen gewesen, der das Bildungsfass zum Überlaufen bringt. „Die Kinder werden doch nur noch verweichlicht!“, „Kein Wunder, dass unsere Wirtschaft den Bach runtergeht!“ oder: „Bei uns hat das auch niemand interessiert – und wir leben ja auch noch!“ Willkommen im Kommentarbereich der sozialen Netzwerke.

Generation Wattebausch?

Interessant, wie schnell einige Erwachsene vergessen, wie es war, als sie selbst noch die Schulbank drückten. Oder wie sehr sie das Lernen gehasst haben. Heute scheint es ihnen ein Anliegen zu sein, dass die nachfolgenden Generationen bitte schön dieselben Strapazen durchlaufen – aus Prinzip. Bildung als Härteprüfung. Schule als Überlebenskampf. Nur: Was genau soll das bringen?

Ich kann’s nur nochmal sagen – auch wenn es dem ein oder anderen nicht gefallen wird: Ich bin ausgebildete Lehrerin. Ich kenne den Schulalltag, die Überforderung auf beiden Seiten und die zähen Strukturen des Systems. Und ich kann bestätigen: Niemandem bringt es etwas, wenn Kinder und Jugendliche morgens mit Bauchschmerzen zur Schule gehen, weil jederzeit ein Überraschungstest lauern könnte. Der Nutzen? Fragwürdig. Die Wirkung? Stress, Angst, Leistungsdruck. Und garantiert keine nachhaltige Motivation.

Lernen braucht Sinn – nicht Schocktherapie

Lernen funktioniert am besten, wenn es sinnvoll erscheint. Wenn ich verstehe, wofür ich etwas brauche – im Leben, im Alltag, für mich. Gute Lehrerinnen und Lehrer schaffen es, diesen Bezug herzustellen. Schlechte klammern sich an die Didaktik von 1980. Wer meint, ein Schüler müsse durch Druck zu Leistung gezwungen werden, hat das pädagogische Ziel längst aus den Augen verloren. Und wer glaubt, unangekündigte Tests seien der Schlüssel zur Belastbarkeit – der sollte sich vielleicht mal fragen, wie gut er heute mit Stress umgeht.

Warum darf Schule nicht auch schön sein?

Ich frage mich: Warum gönnen wir unseren Kindern eigentlich keine Schulzeit, die sich gut anfühlt? Warum soll Lernen nicht auch mal Spaß machen dürfen? Warum muss immer alles schwer und anstrengend sein, damit es angeblich „wertvoll“ ist? Vielleicht, weil uns selbst vieles davon verwehrt geblieben ist. Vielleicht, weil wir es nicht besser kennen. Aber wenn wir wollen, dass unsere Kinder einmal empathische, kreative, stressresistente Erwachsene werden – dann sollten wir ihnen eine Umgebung schaffen, in der sie das auch lernen können.

Abschied vom Leistungskult – und das ist auch gut so

Ich begrüße die neue Regelung. Und hoffe, dass sie nur der Anfang ist. Denn unser Bildungssystem braucht nicht nur Reformen – es braucht ein neues Mindset. Eins, das nicht mit erhobenem Zeigefinger auf „die Jugend von heute“ blickt, sondern sich ehrlich fragt, was Kinder und Jugendliche wirklich brauchen. Und das ist ganz sicher nicht: ein weiterer Überraschungstest.

Und am Ende bleibt vielleicht einfach die Frage:
Wollen wir wirklich, dass unsere Kinder dieselben Fehler wiederholen müssen, nur weil wir sie selbst durchlitten haben? Oder nutzen wir die Chance auf echten Wandel im Bildungssystem?
Ich bin jedenfalls bereit für Fortschritt. Du auch?

Eure Dani