Die aktuellen Schlagzeilen rund um die Frauenfußball-WM zeigen: Genderaspekte werden in der Medizin noch viel zu oft vernachlässigt. Warum verletzen sich Frauen anders als Männer? Weshalb ist das auch für die Therapie so wichtig? Wir schauen uns die Gründe an und checken, wie man's verhindern kann.

Die Frauenfußball-WM ist in vollem Gange, und Millionen von Menschen rund um den Globus verfolgen mit Begeisterung die spannenden Spiele. Doch neben dem sportlichen Spektakel bemerken wir beim Blick in die Presse schnell, dass auch das seine Kehrseite hat: nahezu jeder Nationalkader klagt bereits seit der Vorbereitungsphase über Ausfälle. Gehäuft fallen dabei Verletzungen des vorderen Kreuzbandes auf. Warum ist das so?

Statistiken zeigen, dass weibliche Sportler ein deutlich höheres Risiko haben, sich das wichtigste Band im Knie zu reißen als ihre männlichen Kollegen. Die Hauptgründe für diese geschlechtsspezifischen Unterschiede liegen zum einen in der Anatomie und zum anderen im abweichenden Hormonhaushalt.

Frauen haben aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit ein breiteres Becken als Männer, was zu einer größeren Neigung des Kniegelenks führen kann, wenn sie laufen oder springen. Zusätzlich sind sowohl der Gangzyklus als auch die Oberflächengeometrie weiblicher Kniegelenke unterschiedlich. Dadurch wird bei Frauen das vordere Kreuzband biomechanisch stärker belastet und die Verletzungsgefahr steigt. Darüber hinaus spielt auch der weibliche Hormonzyklus eine entscheidende Rolle, weil er zu einer Auflockerung des Bandgewebes führen kann, was bei Spitzenbelastungen mit einer erhöhten Rissanfälligkeit einhergehen kann. So kann sich beispielsweise der Menstruationszyklus auch direkt auf das Verletzungsrisiko auswirken.

Geschlechterunterschiede bei Sportverletzungen

Die Geschlechterunterschiede zeigen sich aber auch im Vergleich der Sportarten. Beim Frauenfußball ist das geschlechtsspezifische Risiko für Kreuzbandverletzungen höher als beim Männerfußball. Dies könnte neben den individuellen Risikofaktoren auch durch unterschiedlichen Spielformen, Spielintensitäten und Trainingsmethoden beeinflusst werden. Ein gezieltes Training zur Stärkung der Knie- und Oberschenkelmuskulatur kann jedoch bei beiden Geschlechtern vorbeugend wirken. Auch die Wahl des richtigen Schuhwerks und des optimalen Trainings- und Wettkampfplans spielen eine Rolle. Jedoch kann keine dieser Maßnahmen allein das Risiko vermeiden, weshalb eine individuelle ärztliche Beratung unerlässlich bleibt.

Um künftig das Bewusstsein für diese Thematik zu schärfen, sollte auch im Rahmen großer Sportveranstaltungen vermehrt über das Thema berichtet werden. Vereine, Verbände und Trainerstäbe sollten geschlechterspezifische Trainings- und Präventionsprogramme entwickeln, die das Verletzungsrisiko minimieren und die Spielerinnen und Spieler langfristig schützen. Die Medizin muss sich auch vermehrt mit dem Thema beschäftigen, um künftig auch besser auf Geschlechterunterschiede in konservativer und operativer Therapie eingehen zu können. Alle Betroffenen sollten ihr individuelles Risiko im Beratungsgespräch mit einem Spezialisten identifizieren, um Risikofaktoren langfristig so gut wie möglich zu minimieren.