Zum 20-jährigen Jubiläum spendiert Ubisoft seinem Klassiker Beyond Good & Evil eine Frischzellenkur mit aufgebohrter Technik, neu arrangiertem Orchester-Soundtrack und coolen Extras. Was die 20th Anniversary Edition des Action-Adventures zu bieten hat und warum sich die Rückkehr auf den Planeten Hillys lohnt, verrät der Test.
Kritikerliebling, Flop und Kult
Die Historie von Beyond Good & Evil gleicht einer Achterbahnfahrt: Als das Werk von Rayman-Schöpfer Michel Ancel für die damals aktuellen Konsolen wie PlayStation 2, Microsofts erste Xbox und den Gamecube von Nintendo im Jahr 2004 erschien, wurde es von den meisten Kritikern für seine kreativen Impulse und den nahezu einzigartigen Genremix gefeiert. Kommerziell blieb das beispiellose Action-Adventure jedoch hinter den Erwartungen zurück und entpuppte sich für Publisher Ubisoft als Flop. Trotzdem scharte sich eine kleine, aber leidenschaftliche Fangemeinde um Beyond Good & Evil und leistete neben den spielerischen Qualitäten ihren Beitrag, dass der Titel bis heute einen Kult-Status genießt.
Bereits 2011 brachte Ubisoft deshalb mit Beyond Good & Evil HD ein erstes Remaster, das zwar auf der PS3 und Xbox 360 mit schärferen Texturen und einer erhöhten Bildrate punkten konnte, aber mit ein paar dummen Entscheidungen für Kopfschütteln sorgte, darunter die fehlende Option, die X- und Y-Achse bei der Kamerasteuerung getrennt inventieren zu dürfen. Genau aus diesem Grund war das Remaster für mich damals unspielbar!
Aufwendiges Remaster
Aber all das ist jetzt vergeben und vergessen, denn für die 20th Anniversary Edition hat sich Ubisoft ordentlich ins Zeug gelegt: Gefühlt wurde hier jede Textur angefasst und die Grafik wird optisch mit mehr Details samt verbesserter Beleuchtung sichtbar aufgewertet, das Abenteuer erstrahlt jetzt in einer 4K-Auflösung und der neu sowie mit einem Live-Orchester eingespielte Soundtrack von Christophe Heral ist ein Fest für die Ohren! Überwiegend läuft das Geschehen bei 4K mit flüssigen 60 Bildern pro Sekunde über die Mattscheibe, nur hin und wieder kommt es zu kleinen Rucklern, wenn auf dem Bildschirm zu viel los ist. Die gab es beim mittlerweile nicht mehr erhältlichen HD-Remaster von 2011 übrigens nicht, aber das gilt eben auch für die zahlreichen visuellen Verbesserungen. Wer sich daran stört, schaltet in den Grafikeinstellungen alternativ in den Performance-Modus, muss sich dabei jedoch mit einer Auflösung von 1440p begnügen.
Mehr als nur ein Grafik-Update
In der 20th Anniversary Edition steckt jedoch mehr als nur ein Grafik-Update: Die Steuerung wurde für das Jubiläum ebenfalls optimiert und modernisiert, selbst wenn sie immer noch das letzte Quentchen Präzision vermissen lässt und die Kamera weiterhin rumzickt. In diesen Momenten und auch mit Blick auf die recht statische Spielwelt lässt sich das Alter des Originals nicht länger verbergen. Dazu fällt das Kampfsystem mit dem Hightech-Stock namens Daï-Jo fällt sehr rudimentär aus, gefällt dadurch auf der anderen Seite aber mit einer sehr guten Zugänglichkeit.
Für die Fans besonders cool ist die Fülle an Bonusmaterial, die Ubisoft in die Edition gepackt hat. Dazu gehören u.a. Konzeptzeichnungen, Making-Of-Videos und sogar ein Blick auf Inhalte, die damals der Schere zum Opfer gefallen sind. Darüber hinaus gibt es gibt es freischaltbare Kosmetik-Items, einen zusätzlichen Speedrun-Modus sowie eine völlig neue Quest, mit der die Brücke zum 2017 offiziell angekündigten „Prequel-Nachfolger“ Beyond Good & Evil 2 geschlagen wird, um den es spätestens nach dem skandalträchtigen Abgang von Michel Ancel sehr still geworden ist. Daher kann man es als überfälliges Lebenszeichen werten, dass bei Ubisoft Montpellier immer noch an der Fortsetzung gearbeitet wird, obwohl sie schon seit Jahren in der Versenkung verschwunden ist.
Ein starker Genremix
Davon abgesehen bleiben viele Dinge beim Alten – und das ist gut so! Beyond Good & Evil begeistert auch in der 20th Anniversary Edition mit einer bezaubernden Mischung verschiedener Genres und damaligen innovativen Spielelementen, die selbst heute noch erstaunlich frisch wirken. Geboten werden u.a. Hüpfsequenzen, Renneinsätze im Hovercraft, Erkundung der semi-offenen Spielwelt, eingestreute Rätseleinlagen, Nahkampf, Bosskämpfe, Minispiele und natürlich das Fotografieren. Immerhin ist Protagonistin Jade eine Investigativ-Journalistin, die zusammen mit ihren Begleitern ein bedrohliches Komplott rund um die Alien-Spezies der DomZ aufdecken muss, die den friedlichen Planeten Hillys immer wieder attackieren und dessen Einwohner entführen. Zwar zählt die recht vorhersehbare Handlung nicht unbedingt zu den größten Stärken von Beyond Good & Evil, aber viele der Figuren sind gut geschrieben und tragen mit ihrem sympathischen Auftreten die Story, die auch von den Zwischensequenzen und professionellen (deutschen) Sprechern profitiert.
Werte von damals
Und eigentlich möchte man Publisher Ubisoft in Bezug auf Beyond Good & Evil – 20th Anniversary Edition auch in einem anderen Bereich loben: Im Gegensatz zu den meisten aktuellen Titeln der Franzosen hat man hier zum Glück davon abgesehen, wieder irgendwelche dämlichen Mikrotransaktionen zu integrieren, die Veröffentlichung in zig Editionen zu splitten oder gar die Spielinhalte wie sonst mit einer furchtbaren DLC-Politik zu fragmentieren. In gewisser Weise spiegelt neben manchen Designentscheidungen das Fehlen dieser modernen „Features“ die Gaming-Vergangenheit wider, in der die Spielelandschaft zumindest in dieser Beziehung noch deutlich angenehmer war als heute. Es wird wohl die Ausnahme bleiben…
Aber so ganz kann es Ubisoft dann doch nicht lassen und hält es dann doch für nötig, die Spieler mit penetranten Hinweisen auf den hauseigenen Service Ubi Connect zu gängeln. Muss das denn wirklich sein? Kann man dieses tolle Jubiläum denn nicht einfach mal ohne diesen Kram feiern und genießen?
Fazit:
Abgesehen von diesem kleinen Stimmungskiller würdigt Ubisoft das 20-jährige Jubiläum von Beyond Good & Evil mit einer aufwendigen Restauration des Klassikers, der dank toller Design-Ideen, sympathischer Figuren, dem quasi zeitlosen Artdesign und einer großartigen Kombination verschiedener Genres auch heute noch begeistern kann. Fans dürfen sich freuen, mit Jade das etwa 10-stündige Abenteuer erneut erleben zu dürfen – und das in der besten und technisch ausgereiftesten Version, die es bislang gibt. Und wer Beyond Good & Evil bisher noch nicht kennt, sollte diesem außergewöhnlichen Action-Adventure eine Chance geben und danach ebenfalls die Daumen drücken, dass der Nachfolger tatsächlich noch das Licht der Welt erblickt – sofern er nicht mit der mittlerweile völlig ausgelutschten Ubi-Open-World-Formel gestrickt wird.
