FV Rheinland als Leuchtturm für den Frauenfußball

Das Thema 50 Jahre Frauenfußball in Deutschland wirft Fragen auf. Etwa die, ob die Fußballverbände vornehmlich im Bereich des Mädchenfußballs die Entwicklung verpasst haben. Weitaus mehr Jungen als Mädchen spielen Fußball. Dabei weist die Sportwissenschaft ein großes Interesse der Mädchen an diesem Sport nach.

Aktuell4u sprach mit Armin Bertsch, 54, seit 2005 Geschäftsführer des Fußballverbandes Rheinland.

AKTUELL4U:  Lange Zeit schien der Fußball der Mädchen und Frauen, vor allem in der Zeit des DFB-Präsidenten Theo Zwanziger, in den  Verbänden angekommen zu sein. Ist der aktuelle Abwärtstrend ein Indiz dafür, dass das Gespür für mehr Angebote für Mädchen und Frauen nachgelassen hat?

Armin Bertsch: Ein gewisser Abwärtstrend in absoluten Zahlen ist in der Tat zu beobachten. Die aktuelle Analyse zur demografischen Entwicklung in unserem Verbandsgebiet, mit welcher der Fußballverband Rheinland die FH Remagen beauftragt hat, zeigt aber auch, dass der Fußball noch immer überragende Ausschöpfungsraten verzeichnet: In unseren besten Kreisen haben wir Jahrgänge, wo zwei von drei Jungen aktiv Fußball spielen. Davon können andere Sportarten natürlich nur träumen.

Richtig ist: der Abwärtstrend korreliert signifikant mit der Geburtenrate. Oder einfacher ausgedrückt: Werden weniger Kinder geboren, kommen auch weniger zum Fußball. Richtig ist aber auch, dass wir bei den Mädchen einen überproportionalen Rückgang beobachten. Das gibt in der Tat Anlass zur Sorge.

Die Gründe dafür sind sicher vielfältig: Von einem WM-Titel 2011 im eigenen Land hätte der Mädchen- und Frauenfußball in Deutschland wohl über Jahre hinaus profitiert. Hinzu kommt, dass Theo Zwanziger während seiner DFB-Präsidentschaft speziell im Frauenfußball enorm viel bewegt hat. Das Niveau, welches wir im Mädchenfußball mit diesem „Rückenwind aus Frankfurt“ einmal erreicht hatten zeigt, dass das Potential für mehr Fußball spielende Mädchen grundsätzlich vorhanden ist.

AKTUELL4U: Die Hochschule Remagen mit ihrem Zweig Sportmanagement zeigt auf, das es bei den Frauenmannschaften noch stabile Zahlen gibt, während es bei den Mädchenmannschaften einen eklatanten Rückgang gibt. Verpasst der Fußball das Werben um seine attraktivste Klientel?

Armin Bertsch: In der Tat zeigt sich die Entwicklung der Frauenmannschaften am stabilsten. Dazu, warum die Jungs seit 2013 deutlich weniger Rückgänge als die Mädchen verzeichnen, sagt die vorliegende Studie aber nichts aus. Dies war auch nicht Gegenstand des Auftrags an Prof. Thieme und sein Team. Hier spielen im Rheinland sicher viele Faktoren eine Rolle. Dass der SC 07 (inzwischen SC 13) Bad Neuenahr als eine der ehemals ersten Adressen im deutschen Frauenfußball derzeit nicht ganz oben mitspielen kann, wirkt sich sicher auch auf unseren Verband aus. Gerade die DFB-Eliteschule für Mädchenfußball in Ahrweiler war ein unglaublicher Magnet für Spitzentalente aus ganz Deutschland. Es wäre toll, im Rheinland wieder einen Leuchtturm für erstklassigen Frauenfußball zu haben, ganz gleich ob das dann die SG 99 Andernach, der SC 13 oder ein anderer Club wäre. Das zunehmende Engagement der großen Proficlubs macht das aber nicht gerade einfacher für klassische Frauenfußball-Vereine.

AKTUELL4U: Reichen die aktuellen Szenarien aus, um für den Fußball zu werben oder braucht es für den Frauenfußball womöglich anderer Ideen?

Armin Bertsch: Konzepte, die für den Mädchenfußball im Jahr 2010 getragen haben, müssen 2020 nicht auch noch passen. Aktuell setzen sich die Landesverbände in Deutschland zum Beispiel mit der Frage ihrer Positionierung zum E-Sport auseinander. Davon hat 2010 noch niemand gesprochen.

Das beste Mittel um zu hören, was die Jugend möchte, ist zuzuhören. Zu diesem Zweck öffnet auch der DFB sein Ohr verstärkt der jungen Generation. Aber auch der FVR hat vor kurzem eine Kommission „Junges Ehrenamt“ ins Leben gerufen. Auf die Empfehlungen aus diesem Gremium darf man gespannt sein. Darüber hinaus arbeitet seit etwa einem Jahr die Kommission Verbandsentwicklung an der Gestaltung der Zukunft im FVR. Ein Team aus Vereinsvertretern und Funktionsträgern des Verbandes arbeitet gemeinsam mit Prof. Lutz Thieme, der dem Fußballverband Rheinland auch hier seine Expertise zu Verbands-Entwicklungsprozessen zur Verfügung stellt, an der Weichenstellung für die Zukunft. Voraussichtlich werden die Themenkomplexe „Strategie“ und „Spielbetrieb“ mit erster Priorität angegangen werden. Das Thema Mädchenfußball passt dabei sicher zu Beiden.

Übrigens ist bereits auch Licht am Ende des Tunnels zu sehen: Bei unseren Jüngsten steigen die Mannschaftszahlen bereits wieder, sodass die Statistiker prognostizieren, dass der FVR 2019 den Tiefpunkt bei der Anzahl der Jugendmannschaften durchschritten hat und es in den nächsten zehn Jahren wieder aufwärtsgehen wird. 

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