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Hoffnungen auf das WM-Finale im südafrikanischen Hotelzimmer mit Howard Webb

Mike Pickel als FIFA-Schiedsrichter-Assistent an der Seitenlinie. (Foto: IMAGO/Nordphoto)

Mike Pickel bei der Verabschiedung durch Stefan Hoffmann (Vorstandsvorsitzender 1. FSV Mainz 05) vor seinem letzten Bundesligaspiel in Mainz gegen den FC Bayern München. (Foto: IMAGO/Jan Huebner)


Zum Abschluss gab es noch einmal die große Bühne und gleich das volle Programm. DFB-Pokalfinale in Berlin. Freiburg gegen Leipzig. Verlängerung, Elfmeterschießen und noch ein netter Plausch mit Christian Streich nach dem Abpfiff. Dann war Schluss. Die aktive Karriere von Mike Pickel als Schiedsrichter-Assistent ist Geschichte. Mit aktuell4u sprach der Mendiger über seine Laufbahn, Highlights und das Schiedsrichterwesen.

Acht Jahre Herbert Fandel, acht Jahre Wolfgang Stark und fünf Jahre Sascha Stegemann. An der Seite dieser Hauptschiedsrichter hat Mike Pickel, der selbst vierzehn Jahre auf der FIFA-Liste als Schiedsrichter-Assistent stand, im Weltfußball so einiges erlebt. Viermal stand er bei einem DFB-Pokalfinale an der Seitenlinie, je einmal durfte er an der Seite von Wolfgang Stark an einer Welt- und Europameisterschaft teilnehmen. Hinzu kommen zahlreiche große Spiele in der Champions League, was zu insgesamt 403 Einsätzen in der Bundesliga und über 160 internationalen Spielen führt.

Mit aktuell4u sprach Pickel nun über die Anfänge seiner Karriere, Höhepunkte einer langen Laufbahn und gab Einblicke in die Arbeit, Entwicklung und Zukunft des Schiedsrichtergespanns.

aktuell4u: Herr Pickel, bevor Sie einer der besten und erfolgreichsten Schiedsrichter-Assistenten wurden, haben Sie selbst Fußballspiele als Hauptschiedsrichter auf Profiniveau geleitet. Erzählen Sie uns von Ihren Anfangsjahren.

Mike Pickel: Nach einigen Jahren in der Verbandsliga verletzte sich ein Schiedsrichter bei einem Nachwuchslehrgang für die Oberliga schwer. Daraufhin setzte sich mein Mentor und Förderer Günter Linn für mich ein, sodass ich nachrücken durfte. Anschließend ging alles ganz schnell. Nach einem Jahr in der Oberliga, folgten zwei Jahre in der Regionalliga, bis ich schließlich in die zweite Bundesliga aufstieg, wo ich sieben Jahre pfeifen durfte.

aktuell4u: Warum haben Sie sich schließlich für eine Karriere an der Seitenlinie entschieden? Hatte dieser Beschluss auch etwas mit dem enormen Druck zu tun, unter dem der Hauptschiedsrichter steht?

Mike Pickel: Natürlich habe ich das mediale Interesse, vor allem nach meinem Aufstieg in die zweite Liga zu spüren bekommen. Letzten Endes wurde mir die Perspektive aufgewiesen, als Schiedsrichter-Assistent in der Bundesliga und der Champions League aufzulaufen. Dieses Angebot habe ich gerne angenommen und letztlich auch nicht bereut.

aktuell4u: Parallel zum Beginn ihrer Schiedsrichterkarriere waren Sie auch als Fußballer aktiv. Allerdings spielten Sie nur ein Jahr bei den Senioren. Weshalb fiel Ihre Entscheidung auf das Schiedsrichterwesen?

Mike Pickel: Schon durch die erste Partie, die ich in der Oberliga pfeifen durfte, war ich auf einem höheren Niveau aktiv, als ich als Fußballer je gespielt habe. Somit war es eine einfache Entscheidung. Dennoch halte ich es als Schiedsrichter für wichtig, selbst Fußball gespielt zu haben. Dadurch fällt es einem leichter, gewisse Spielsituationen richtig einzuschätzen.

aktuell4u: Nehmen Sie uns etwas mit in den Alltag eines Schiedsrichter-Assistenten. Wie verläuft ein Spieltag in der Bundesliga und in der Champions League?

Mike Pickel: In welchen Partien wir eingesetzt werden erfahren wir ungefähr zehn Tag im Voraus. Bei internationalen Spielen reisen wir immer einen Tag vor dem Spiel an. Dann trainieren wir im Stadion und lernen die dortigen Gegebenheiten kennen. Abends gehen wir mit dem Schiedsrichtergespann gemeinsam essen. Am Spieltag gibt es zunächst ein Meeting mit den Vereinen und Offiziellen von den jeweiligen Verbänden. Anschließend haben wir etwas Freizeit, wo wir uns die Stadt, in der wir gerade sind, etwas ansehen und noch einen Kaffee trinken können. Dann folgt das Mittagessen und zwei Stunden vor Anpfiff die Fahrt ins Stadion. Bei internationalen Spielen sind wir insgesamt drei Tage unterwegs. In der Bundesliga sind es mindestens zwei Tage die wir von zu Hause weg sind. Die jeweiligen Reisen werden organisiert vom DFB, der UEFA oder der FIFA.

aktuell4u: Im Laufe der Jahre hat sich das Regelwerk und damit auch das Schiedsrichterwesen verändert. Wie haben Sie diese Entwicklung erlebt?

Mike Pickel: In erster Linie hat sich der Fußball verändert. Das Spiel ist viel schneller geworden. Dadurch und durch die technischen Hilfsmittel hat sich schließlich auch das Schiedsrichterwesen geändert. Während wir zu Beginn meiner Karriere nur im Sommer einen Lehrgang und im Winter ein Meeting mit allen Schiedsrichtern des DFB abgehalten haben, gibt es mittlerweile ein Sommer- und ein Wintertrainingslager. Somit ist eine deutliche Professionalisierung erkennbar und die Arbeit als Schiedsrichter ist viel zeitintensiver geworden.

aktuell4u: Vor allem der vor einigen Jahren neu eingeführte Videoschiedsrichter steht oft in der Kritik. Wie stehen Sie zum VAR und welche Dinge könnten aus Ihrer Sicht diesbezüglich noch verbessert werden?

Mike Pickel: Ich befürworte den VAR, da er das Spiel gerechter macht. Auch wenn ich als Assistent theoretisch weniger Druck hätte, will ich dennoch die richtige Entscheidung auf dem Platz treffen. Daher ist der VAR für mich wie ein Drahtseilakt, bei dem, wenn man herunterfällt, es noch ein Netz gibt, das einen auffängt. Das Problem beim VAR liegt in der Kommunikation. Wir müssen dafür sorgen, dass es mehr Transparenz für die Zuschauer im Stadion gibt. Dazu werden momentan verschiedene Lösungswege diskutiert.

aktuell4u: Wie könnte eine Lösung aussehen? Etwa wie in der NFL, dass der Hauptschiedsrichter über ein Mikrofon zum Publikum spricht?

Mike Pickel: Das ist eine Möglichkeit. Es gibt aber auch noch andere Alternativen. Aber wie gesagt, hier ist man gerade in der Diskussion um allen Seiten gerecht zu werden.

aktuell4u: Sie haben mehrere große Spiele in Ihrer Karriere erlebt. Gibt es eine Partie die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Mike Pickel: Als ein Highlight meiner Karriere würde ich sicherlich das Halbfinale in der Champions League 2011 zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona im Estadio Santiago Bernabéu bezeichnen. Das war zu der Zeit als das „El Clásico“ in Champions League, La Liga und Pokal vier Mal innerhalb weniger Tage ausgetragen wurde. Eine aufgeheizte Kulisse mit den Welttrainern Pep Guardiola und Jose Mourinho am Spielfeldrand. Ein unvergesslicher Abend.

aktuell4u: Ein großes Spiel bei einer Welt- oder Europameisterschaft ist Ihnen verwehrt geblieben, da Deutschland bei den Endrunden 2010 und 2012 jeweils das Halbfinale erreichen konnte. Ist es für Sie eher Fluch als Segen, aus der „Fußballrepublik Deutschland“ zu kommen?

Mike Pickel: Natürlich hätte man auch gerne Mal in einem großen Spiel, bei einem großen Turnier auf dem Spielfeld gestanden. Einmal schien ich kurz davor zu sein. Das WM-Viertelfinale 2010 zwischen Deutschland und Argentinien haben wir damals auf meinem Hotelzimmer in Südafrika gemeinsam mit dem Team des englischen Schiedsrichters Howard Webb verfolgt. Wir wussten: fliegt Deutschland raus, werden wir wohl einer der Teams sein, die für das Finale in Frage gekommen wären, gewinnt Deutschland, heißt das für uns die Abreise und Howard Webb hätte große Chancen das Finale zu leiten. Wir haben es uns gegenseitig gegönnt. Am Ende gewann Deutschland überragend mit 4:0 und Howard Webb leitete wenige Tage später souverän das Endspiel der Weltmeisterschaft zwischen Spanien und der Niederlande.

aktuell4u: Nun ist Ihre aktive Karriere zu Ende. Wie geht es weiter? Bleiben Sie dem Profifußball erhalte.

Mike Pickel: Da mir der Fußball so viel gegeben hat, blieb bei mir zuletzt das Gefühl zurück, etwas zurückgeben zu wollen. Schon seit einigen Jahren arbeite ich als VAR mit. Daran werde ich mich auch weiterhin beteiligen. Darüber hinaus werde ich als Assistenten-Beobachter in der dritten Liga aktiv sein.

Vielen Dank für das Interview. Das Interview wurde geführt von Burkhard Hau und Jan-Niklas Frohs.