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Vor 79 Jahren fand der erste Großangriff auf Lahnstein statt

Folgen des Angriffs auf die Sandgasse, 1944. (Foto: Stadt Lahnstein)


Von November 1944 bis Januar 1945 wurden Ober- und Niederlahnstein von fünf Großangriffen heimgesucht. Über 500 Menschen starben im Bombenhagel, alleine am 11. November 1944 gab es mindestens 220 Tote auf Lahnsteiner Gemarkung. Dazu schrieb Pfarrer Josef Gersbach von der katholischen Pfarrei St. Martin Oberlahnstein (im Amt von 1932 bis 1946) in der Pfarrchronik:

„Am 11. November, unserem Kirchenpatronatstag, hatten wir den ersten Großangriff auf Oberlahnstein: gegen 11.40 Uhr gab es Vollalarm, 11.45 Uhr waren die Bomber, die von Braubach anflogen, auch schon da und warfen vier, andere sagen sechs Bombenteppiche. Kurz nach 12.00 Uhr war der Angriff zu Ende und das Unglück geschehen. 122 Häuser waren total zerstört, darunter auch das Pfarrhaus und das Gemeindehaus.

101 Gebäude waren schwer, 126 mittel und 230 leicht beschädigt. Unter den Trümmern der Häuser lagen die Toten, von denen manche nur sehr schwer und erst einige Tage nach dem Angriff geborgen werden konnten. Im Ganzen zählte man 220 Tote, davon 191 Katholiken. Unter den Toten befand sich auch der Kirchenrechner Josef Bollinger mit Frau, das Kirchenvorstandsmitglied Schlossermeister Heinrich Püttmann mit Frau und drei Töchtern im Alter von 15 bis 24 Jahren; eine Tochter, die sich im Arbeitsdienst befand, blieb als einziges Glied der Familie übrig.

Pfarrkirche und Pfarrhaus

Unsere Pfarrkirche blieb unversehrt, nur wurden die Chorfenster zersplittert. Die übrigen Fenster und die Türen erlitten geringen Schaden; eine Bombe war nämlich in die Hochstraße gefallen, gerade am Eingang zum Kirchplatz. Der heilige Martinus hat seine Kirche gut beschützt.

Das Pfarrhaus wurde durch eine Bombe, die auf die Gartenseite des Hauses traf, zerstört. Die Wand wurde vom Keller an zum größten Teil eingedrückt, ein Teil des Daches abgerissen; die Zimmer nach der Gartenseite im Erdgeschoss und im ersten Stock sind baufällig geworden, die Möbel zum großen Teil zersplittert. Das Haus kann nicht mehr wiederhergestellt, sondern muss neuerrichtet werden. Pfarrer, seine Schwester und sein Kaplan, die im Luftschutzraum im Keller waren, sind vollständig unverletzt geblieben. Sie fanden Unterkunft bei Familie Hans Jäger, Burgstraße 24b. Möge Gott ihr dieses Werk der Nächstenliebe lohnen.

Beisetzung der Opfer

Kirchliche Beisetzung: Die kirchliche Beerdigung der Opfer fand Freitag, den 17. November, morgens 09.00 Uhr statt. Am Tag vorher war die Trauerfeier seitens der Partei. Sie war auf 15.30 Uhr angesetzt, wurde aber durch Vollalarm gestört und konnte gegen 17.00 Uhr fortgesetzt werden. Am Freitagmorgen wurden zunächst vier Soldaten, die auch Opfer des Terrorangriffs geworden und auf dem Ehrenfriedhof beigesetzt wurden, kirchlich eingesegnet.

Dann hielt der Pfarrer an der Leichenhalle eine Ansprache an die Trauerversammlung und die Leidtragenden und verrichtete die üblichen Gebete.

Darauf sprach der evangelische Pfarrer von Braubach in Vertretung des evangelischen Pfarrers von Oberlahnstein, der sich beim Heere befindet. 194 Särge – die übrigen Toten waren noch nicht geborgen – standen in langer Reihe auf dem Weg zur Leichenhalle und zum Massengrab, das wegen des schlechten Wetters – die ganze Woche hatte es heftig geregnet – noch nicht fertig geworden war.

Nach der Feier in der Leichenhalle wurden die Särge der Reihe nach mit Weihwasser besprengt und das Massengrab eingesegnet.

Das Exerzitienamt für alle Opfer wurde Sonntag, den 19. November, um 8.00 Uhr vom Pfarrer gehalten. Nach dem Libera hielt der Pfarrer die Predigt. Thema: Selig sind die Toten, die im Herrn sterben. Wahrlich, so spricht der Geist, von nun an sollen sie ruhen von den Mühen (Geheime Offenbarung 14,13). Im Anschluss an die Predigt verlas der Pfarrer das Beileidsschreiben unseres Hochwürdigsten Herrn Bischofs.

Sehr viele Bewohner Lahnsteins sind infolge des Angriffs aus Lahnstein weggezogen, weil sie sich hier nicht mehr sicher fühlten. Das eigentliche Ziel des Angriffs, der Güterbahnhof, war ja nicht getroffen worden und so war zu befürchten, dass sich die Angriffe wiederholen würden.“

Soweit schrieb Pfarrer Gersbach in der Pfarrchronik.

Anlässlich des traurigen Jahrestages wird an drei Sonntagen eine Themenführung „Auf den Spuren des Zweiten Weltkriegs durch Lahnstein“ angeboten: Sonntag, 12., 19. und 26. November, jeweils um 14.00 Uhr vor der Eisdiele neben dem Alten Rathaus Oberlahnstein. Die Kosten betragen fünf Euro, Kinder sind frei.