Ihr Lieben,
es ist Ende August, die Sonne scheint noch warm vom Himmel, und ich genieße den Spätsommer. Aber sobald ich durch die Gänge der Geschäfte schlendere, packt mich jedes Jahr aufs Neue das blanke Entsetzen: Weihnachtsdeko und Lebkuchen! Es ist, als ob die ersten Tannenzweige und Lichterketten in den Regalen plötzlich die Leichtigkeit des Spätsommers vertreiben. Ein paar Schritte weiter stapeln sich Spekulatius, Dominosteine und Lebkuchenherzen. Ich frage mich: Wie kann man sich in dieser Hitze schon nach Zimt, Nelken und Marzipan sehnen?
Für mich ist Weihnachten ein Fest, das im Herzen erst dann Raum findet, wenn die Tage kürzer und kälter werden, wenn die Luft nach Herbstlaub riecht und die ersten Nebel aufziehen. Bis dahin möchte ich den goldenen Herbst auskosten, mich am Spiel der Farben in den Bäumen erfreuen und die letzten warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut spüren. Doch die Regale scheinen mir eine andere Botschaft zu senden: "Weihnachten ist immer, wenn du es willst." Aber ich frage mich, wo bleibt dann die Vorfreude?
Ich bin da etwas altmodisch, vielleicht sogar stur. Für mich beginnt die Weihnachtszeit frühestens im November. Vorher gehören für mich keine Lebkuchen auf den Tisch und kein Adventskranz ins Wohnzimmer . Es ist doch so: Wenn wir die weihnachtlichen Leckereien schon jetzt vernaschen, was bleibt dann noch besonders? Wo ist die Magie der Vorweihnachtszeit hin, dieses wohlige Gefühl, wenn man die ersten Plätzchen bäckt oder den Duft von Glühwein riecht?
Es spiegelt in meinen Augen auch so viel von unserer heutigen Konsumgesellschaft wider. Wir leben in einer Zeit, in der alles immer verfügbar ist. Saisonale Lebensmittel gibt es schon lange nicht mehr nur zu bestimmten Jahreszeiten, sondern ganzjährig. Erdbeeren im Winter, Spargel im Herbst – alles ist jederzeit möglich. Aber wenn man immer alles haben kann, wo bleibt dann der besondere Reiz? Früher war die Vorfreude doch auch Teil der Freude selbst. Der Zauber eines Festes, einer Jahreszeit, liegt doch nicht nur im Moment selbst, sondern auch in der Zeit, die davor liegt.
Auch kulturell sehe ich diesen Wandel kritisch. Unsere Feste und Traditionen haben eine lange Geschichte, und ein Teil dieser Geschichte ist das Warten. Der Herbst war einst die Zeit der Ernte und des Dankes. Erntedankfeste waren ein Höhepunkt, ein Innehalten, um für die Fülle des Jahres dankbar zu sein. Heute, so scheint es mir, haben wir diesen natürlichen Rhythmus verloren. Wir schieben die Vorweihnachtszeit einfach vor, weil es im Regal verfügbar ist. Und so essen wir im Oktober schon Lebkuchen und wundern uns, wenn im Dezember die Vorfreude auf das Fest schon erloschen ist.
Wir müssen nicht immer alles sofort haben. Im Gegenteil, manchmal ist das Warten, das Vorfreuen, das Schöne. Denn sind es nicht gerade die kleinen Dinge, die in ihrer Zeit einen besonderen Glanz entwickeln?
Vielleicht sollten wir uns wieder daran erinnern, dass es eine Zeit für alles gibt. Lasst uns den Herbst genießen, den goldenen September und die frischen Oktobermorgende. Die Weihnachtszeit wird kommen – früh genug. Und wenn sie dann kommt, dürfen wir uns umso mehr darauf freuen, weil wir sie nicht zu früh herbeigesehnt haben.
Eure Dani
