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9. November – Schicksalstag der Deutschen

Symbole, die in unmittelbarer Verbindung zum 9. November stehen. (Fotos: Pixabay, Wikimedia)


Viele Menschen erinnern sich mit Freude an den 9. November. Jedoch ist dieser Tag nicht nur ein Tag der Freude, sondern auch ein Tag der Erinnerung an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte. Zudem gibt es noch mehr Ereignisse, die dieses Datum zu einem ganz besonderen machen, zum Schicksalstag der Deutschen.

Laut einer Umfrage der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur verbinden mehr als doppelt so viele Deutsche den 9. November mit dem Mauerfall 1989 und nicht mit der Reichspogromnacht 1938. Vor allem die jüngere Generation scheint diesen Tag nahezu gar nicht mit den Novemberpogromen der Nationalsozialisten zu assoziieren. Fünfzig Prozent, also die Hälfte der deutschen Bevölkerung, können überhaupt keine Verbindung zum 9. November herstellen. Weitere sechs Prozent denken bei diesem Datum sogar an die Terroranschläge vom 11. September 2001. Dies zeigt die Defizite im kollektiven Gedächtnis, die dringend aufgearbeitet werden sollten. Denn dieser Tag prägt die Deutsche Geschichte wie kaum ein anderer Tag.

9. November 1848 – Hingerichtet für die deutsche Freiheit

Der erste 9. November, an den wir heute erinnern, liegt bereits 173 Jahre zurück. An diesem Tag wurde Robert Blum in der Nähe von Wien hingerichtet. Hinrichtungen waren im 19. Jahrhundert keine Seltenheit, dennoch bleibt diese besonders im Gedächtnis. Robert Blum war einer der führenden Köpfe der Demokraten im Rahmen der Deutschen Revolution und in der Frankfurter Nationalversammlung. Er setzte sich, gemeinsam mit seinen revolutionären Mitstreitern, für eine republikanische Verfasstheit des deutschen Nationalstaats ein. Zum Verhängnis wurde ihm der Oktoberaufstand 1848, als er die Revolutionäre bei der Verteidigung Wiens unterstütze. Dieser Aufstand wurde von kaiserlich-österreichischen Truppen niedergeschlagen. Blum wurde inhaftiert und nach einem Standgerichturteil schließlich erschossen. Seine letzten Worte waren folgende:

„Ich sterbe für die deutsche Freiheit, für die ich gekämpft habe, möge das Vaterland meiner eingedenk sein.“

9. November 1918 – Abdankung des Kaisers und doppelter Ausruf der Republik

Dieser Tag setzte das vorläufige Ende eines fürchterlichen Krieges, der offiziell erst zwei Tage später für beendet erklärt wurde. Kaiser Wilhelm II. dankt ab und beauftragt Friedrich Ebert von der SPD mit der Fortführung der Amtsgeschäfte. Dessen Parteifreund Philipp Scheidemann ruft wenig später von einem Fenster des Reichstagsgebäudes die Deutsche Republik aus. Noch am gleichen Tag erfolgt ein zweiter Ausruf der Republik. Diesmal von Karl Liebknecht, einer der Anführer des linksrevolutionären Spartakusbundes. Er proklamiert vom Berliner Stadtschloss aus eine als Räterepublik gedachte Freie Sozialistische Republik Deutschland. Dies führt zu teils blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Verfechtern einer sozialistischen Räterepublik und denen einer parlamentarischen Demokratie, bis hin zur Ermordung Karl Liebknechts und dessen Mitstreiterin Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919. Im August 1919 wird die Weimarer Republik als erstes demokratisch strukturierte Staatswesen in Deutschland konstituiert. Folgendes Zitat von Rosa Luxemburg beschreibt die Gespaltenheit des deutschen Volkes zu dieser Zeit:

„Reden ist unser Privileg. Wenn wir ein Problem haben, das wir nicht durch Reden lösen können, dann hat alles keinen Sinn.“

9. November 1923 – Ein Putschversuch als erster Warnzeichen

Der zu dieser Zeit noch unbekannte Parteichef der unbedeutenden NSDAP unternimmt in München einen Putschversuch gegen die demokratische Reichsregierung. Sein Name: Adolf Hitler. Zwar scheiterte dieser Putsch schon nach wenigen Stunden, er forderte dennoch 16 Todesopfer. Hitler wählte bewusst den fünften Jahrestag der Ausrufung der Republik. Im folgenden Prozess inszeniert sich Hitler als Führungsfigur der völkischen Bewegung. Er erhält schließlich eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Nach neun Monaten wird Hitler allerdings schon „wegen guter Führung“ entlassen. Die Zeit der Inhaftierung nutzte er, um den ersten Band seiner politisch-ideologischen Programmschrift „Mein Kampf“ zu verfassen. Nach der Freilassung aus der Haft äußerte Hitler seine Erkenntnisse aus dem gescheiterten Putschversuch:

„Statt die Macht durch Waffengewalt zu erringen, werden wir zum Ärger der Zentrumsleute und der Marxisten unsere Nase in den Reichstag stecken. Wenn es auch länger dauert, sie zu überstimmen als sie zu erschießen, so wird uns schließlich ihre eigene Verfassung den Erfolg garantieren. Jeder legale Vorgang ist langsam. Früher oder später aber werden wir die Mehrheit haben – und damit Deutschland.“

9. November 1938 – Das offizielle Signal zum größten Völkermord in Europa

Die Nationalsozialisten inszenieren, nach einem Mordanschlag auf einen deutschen Diplomaten in Paris die Novemberpogrome. In der Nacht vom 9. auf den 10. November demolieren in zivil gekleidete SA- und SS-Mitglieder jüdische Geschäfte und Einrichtungen, wodurch der Ausdruck des „Volkszorns“ gegen die Juden dargestellt werden soll. Zudem werden Synagogen in Brand gesteckt. In Bezug auf die Scherben der zerstörten Fensterscheiben, die das Licht des Feuers der brennenden Synagogen reflektierten, wurde von den Nationalsozialisten der euphemistische Begriff der „Reichskristallnacht“ etabliert. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten gipfelte schließlich im Holocaust, der über sechs Millionen europäischen Juden das Leben kosten sollte. Der Satiriker Jan Böhmermann veröffentlichte 2016 einen Song, in welchem er die Reichspogromnacht, in Bezug auf das populäre Gedicht zum Gunpowder Plot, thematisierte:

„Remember, remember the 9th of November, broken glass, fire and plot. I know of no reason why our very own treason should ever be forgot.“

9. November 1989 – Schabowski, Mauerfall, Hasselhoff

Es ist das Ereignis, dass die Menschen heutzutage überwiegend positiv auf dieses bedeutende Datum zurückblicken lässt. Um 18:57 Uhr spricht Günter Schabowski einen der berühmtesten Sätze deutscher Geschichte. Der SED-Politiker bestätigt, dass das neue Reisegesetz der DDR, welches private Reisen ins Ausland erlaubt, sofort in Kraft tritt, unverzüglich. In den Medien wird diese Nachricht umgehend verbreitet. Schnell strömen erste DDR-Bürger*innen zu den Grenzübergängen in Berlin. Die dortigen Grenztruppen sind mit der Situation überfordert, da sie keine Anweisungen erhalten haben. Bereits kurz nach 21 Uhr können die ersten Menschen nach einer ausführlichen Passkontrolle die Grenze passieren. Doch der Andrang wird immer größer. Um 23:30 Uhr entscheidet Oberstleutnant Harald Jäger, den Grenzübergang an der Bornholmer Straße zu öffnen und die Passkontrollen einzustellen und somit dem Druck der Massen nachzugeben. In den nächsten 45 Minuten sollten über 20000 Menschen die innerdeutsche Grenze in Berlin passieren. Die Grenze war geöffnet, die Mauer ist gefallen. Zu Silvester 1989 sang David Hasselhoff auf der Berliner Mauer folgende Liedzeilen, die zum Symbol des Mauerfalls werden sollten:

„Some day I'm gonna find the freedom I've been searching for. I've been looking for freedom.“

Sollte der 9. November ein nationaler Gedenktag werden?

Nach all den beschriebenen Ereignissen stellt sich die Frage, weshalb der 9. November noch nicht zum nationalen Gedenktag erklärt wurde. Natürlich gibt es gute Gründe, dies nicht zu tun. Zum einen war der Tag während des NS-Regimes bereits ein nationaler Feiertag, in Erinnerung an den gescheiterten Putschversuch der Nationalsozialisten im Jahr 1923. Zudem wurde das Datum durch die Inszenierung der „Reichskristallnacht“ weitergehend glorifiziert. Außerdem könnte mit der oben aufgeführten Statistik der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur argumentiert werden, die besagt, dass die Hälfte der deutschen Bevölkerung nichts mit dem 9. November verbindet. Dem könnte entgegengesetzt werden, dass sechs der neun bundesweiten Feiertage christlicher Natur sind und der Anteil der Christen in Deutschland im Jahr 2020 bei 54 Prozent liegt, Tendenz sinkend. Ist diese Festlegung der Feiertage also nicht längst überholt? Sollte nicht an entscheidende Daten der deutschen Geschichte gedacht werden, welche die Charakteristik unserer Nation entscheidend geprägt haben?

Dazu zählt neben dem 9. November sicherlich auch der 8. Mai, der Tag an dem der Zweite Weltkrieg beendet und Deutschland von der Diktatur der Nationalsozialisten befreit wurde. Sicherlich wäre eine Ernennung des 9. Novembers zum Feiertag die falsche Bezeichnung, zum Gedenktag jedoch nicht. Denn dieser Tag erinnert nicht nur an glorreiche Stunden unserer Nation, sondern viel mehr an Ereignisse, welche diese Nation ausmachen. Dieser Tag verankert die Gene eines Volkes wie kein Zweiter. Der 9. November stellte die Weichen für das was wir heute sind und er verbindet so viel.Er zeigt den Weg, den diese Nation gehen musste, um dass zu sein, was sie heut ist. Der Tag verbindet Generation. Er verbindet die Zeiten von vor der Gründung des ersten deutschen Nationalstaates mit dem Deutschen Kaiserreich, der Weimarer Republik, dem NS-Regime und dem geteilten Deutschland in der Nachkriegszeit. Dieser Tag steht für die Freiheit, Einheit und demokratische Bildung unserer Nation. Der 9. November steht aber auch für Mord, Antisemitismus, Leid und die schwärzeste Stunde unserer Geschichte. Und daran sollten wir gedenken. Jedes Jahr. Jeden Tag.