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Fußball-WM in Katar: Theo Zwanziger klärt auf

In einer Pressekonferenz am 3.März 2022 präsentierte Theo Zwanziger die ihm vorliegenden Informationen. (Archivfoto: Seydel)


Wie wichtig es Katar, dem  Gastgeberland der Fußball-Weltmeisterschaft 2022  war, einen der schärfsten Vergabe-Kritiker der WM an das Emirat, Theo Zwanziger, von seiner Haltung abzubringen, ist jetzt offenbar geworden. Dr. Theo Zwanziger, 76, Altendiez, von 2004 bis 2012 Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und von 2011 bis 2015 im Exekutivkomitee des Welt-Fußballverbandes (FIFA) sollte von  seiner kritischen Meinung durch die Firma eines ehemaligen CIA-Agenten abgebracht werden.

Zwanziger, der 2010 bei der Entscheidung über die Vergabe der WM an Katar noch nicht dem FIFA-Gremium angehört hatte, da vertrat  Franz Beckenbauer noch den DFB, machte nie einen Hehl aus seiner Abneigung für diese Entscheidung. 2015, als bekannt wurde, unter welchen menschenverachtenden Bedingungen die Arbeiter auf den WM-Baustellen im Emirat leben und arbeiten  mussten, sprach Zwanziger davon, Katar sei das „Krebsgeschwür des Weltfußballs“. Die prompte Klage des Fußballverbandes des Emirates entschied das Landgericht Düsseldorf zugunsten Zwanzigers. Überrascht von der jetztdurch Recherchen von AP  offenkundig gewordenen Aktion ist Zwanziger nicht.  Das Geld für die Arbeit der Firma Global Risk Advisors des ehemaligen CIA-Mannes Kevin Chandler kam aus Katar. Zehn Millionen Dollar sollen bereits für die sogenannte „Operation Fußbett“  an die Firma geflossen sein.

In einer Pressekonferenz am 3.März 2022 in der Sportschule des Fußballverbandes Rheinland, er  ist Ehrenpräsident des Verbandes, präsentierte  Theo Zwanziger die ihm vorliegenden Informationen. Zuvor hatte Walter Desch, Präsident des Fußballverbandes Rheinland, in seiner Begrüßung zum Ausdruck gebracht , der Verband und auch er als Präsident und Mitglied im Vorstand des DFB seien erschüttert  wegen dieser Methoden. Es sei nur zu natürlich, dass der Fußballverband seinen Ehrenpräsidenten unterstütze.

Ein angespannt wirkender Theo Zwanziger spannte in seinen Darstellungen einen breiten Bogen. Das „Geheimprojekt Flußbett“ verletze ihn sehr, sagte er. Und je mehr er darüber nachdenke, dass so etwas möglich sein könne, umso stärker komme er ins Grübeln. Persönlich sei er nicht angesprochen worden und es hätte ohnehin seine kritische Position zum Projekt Katar nicht verändert. Zudem habe er ja in seiner Zeit als Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees begriffen, dass er allein Katar die WM nicht wegnehmen könne. „Ich habe FIFA-Präsident Blatter geschrieben, dass ich den Sitz in der Exekutive nicht will. Daraufhin hat mir Blatter den Vorschlag gemacht, ich solle mich als Mitglied darum kümmern, einen Beitrag zu leisten, die Bedingungen in Katar zu verbessern und auch an einer Erneuerung der FIFA mitzuwirken“, sagt Theo Zwanziger. Darin habe er eine Chance gesehen, aber sehr schnell die Grenzen im Handeln erkannt.

Gewundert hat sich Theo Zwanziger darüber, dass Katar nach der Entscheidung des Düsseldorfer Landgerichtes, wonach er weiter  davon sprechen durfte, Katar sei ein Krebsgeschwür des Fußballs, nicht in die Berufung gegangen sei. Aber es sei ihm klar geworden, dass das Emirat seinen Einfluss auf anderen Wegen nutzte. Etwa gegenüber der FIFA und seinem Präsidenten Infantino. Es tue sich  ein bemerkenswertes Geflecht zwischen Katar , der FIFA und auch der Schweizer Justiz bei der Behandlung juristischer Themen im Weltfußball auf. Präsident Gianni Infantino müsse sich in seiner fragwürdigen Interpretation des höchsten Amtes im Fußball gut überlegen, ob er bei der WM im November und Dezember dieses Jahres  dem Emir von Katar auf der Tribüne Respekt zollen solle.

Zwanziger Ausführungen betrafen auch den DFB, der bei der Aufklärung der Geschehnisse rund um das Sommermärchen 2006 kein gutes Bild abgebe. Wie immer sei vieles unter den Tisch gekehrt worden . Und alle, die sehr nahe an eine Aufklärung der fragwürdigen finanziellen Dispositionen rund um die deutsche WM gekommen seien, wurden dafür nicht belohnt . Zwanziger vermutetet nicht nur eine indirekte katarische Einflussnahme auf die FIFA, sondern  auch auf die Geschehnisse rund um die WM 2006. Bis heute sei der katarische Geschäftsmann Mohamed Bin Hammam, die Zentralfigur des Skandals, der 2012 auf Lebenszeit gesperrt wurde, kein einziges Mal vernommen worden .

Niemand von FIFA oder DFB habe sich bei ihm gemeldet, nachdem bekannt wurde, was AP jetzt als Bespitzelung des Altendiezer Sportfunktionärs meldete. Beim Fußballverband Rheinland, seinem Präsidenten Walter Desch, und dem Präsidium habe er sich für die Solidarität zu bedanken.  Er sei enttäuscht, nun auch noch die Erfahrung einer Bespitzelung machen zu müssen, sagt er. Lange habe er die Hoffnung gehabt, dass man durch sportliche Veranstaltungen zum Teil politische Systeme ein wenig verändern könne. Das glaube er heute nicht mehr. Solche Veranstaltungen dienten immer nur der Darstellung des Gastgeberlandes.

Die WM in Katar wird er sich natürlich im Fernsehen ansehen .

Was ich beklage hat nicht wirklich etwas mit der Faszination des Fußballs zu tun. - Dr. Theo Zwanziger (ehem. DFB-Präsident)

Ob der DFB-Bundestag am 11.März 2022 in Bonn sich des von ihm angestoßenen Themas annimmt, darauf hofft er sehr.