Nach den Racing-Spezialisten aus den Evolution Studios, Milestone und Kylotonn befindet sich die WRC-Lizenz für Videospiele seit 2023 in den Händen von Codemasters. Angefangen beim Klassiker Colin McRae Rally und zuletzt mit Dirt Rally 2.0 haben die Briten bereits viel Erfahrung auf staubigen Pisten vorzuweisen. Ist EA Sports WRC der nächste große Hit? Der Test klärt auf!
XXL-Etappen und erweiterter Fuhrpark
Mehr als 600 Kilometer an mehr oder weniger gut befestigten Straßen, verteilt auf über 200 Etappen in 17 Schauplätzen rund um den Globus, hat das neue WRC-Spiel von Codemasters zu bieten. Und nicht nur das: Dank des Wechsels von der hauseigenen EGO-Engine auf die Unreal Engine 4 sind hier die Wertungsprüfungen teilweise mehr als 30 Kilometer lang und erfordern allerhöchste Konzentration. Diese XXL-Etappen hatte zwar zuvor schon Kyltonn in den eigenen WRC-Titeln realisiert, doch Codemasters erlaubte zuletzt bei Dirt 2.0 höchstens die Hälfte der Distanz – ein großer Fortschritt also, der jedoch seinen Tribut zollt, dazu später mehr. Darüber hinaus darf man die Schauplätze wie in Projects Cars 2 zu verschiedenen Jahres- und Tageszeiten oder Witterungsverhältnissen besuchen. Trotzdem muss man festhalten, dass ein Großteil der Etappen erschreckend uninspiriert und generisch wirkt – mit Blick auf das Design, aber auch zusätzliche Funktionen wie dynamisches Wetter oder ergänzende Modi wie Rennen am geteilten Bildschirm oder Mitspieler als Beifahrer hatte Kylotonn zuletzt die Nase vorne.
Neben den WRC-Modellen, die seit der letzten Saison mit Hybrid-Aggregaten ausgestattet sind, sind beide Nachwuchsserien WRC 2 und WRC Junior ebenfalls enthalten. Sogar einige Fahrzeugklassen aus Dirt Rally, die nur bedingt etwas mit der WRC-Lizenz zu tun haben, haben den Weg in Spiel gefunden, darunter Kit Cars, Klassiker wie der Mini Cooper, Heckschleudern wie der BMW M3 Evo Rally und sogar die Gruppe-B-Monster wie der Audi Sport Quattro S1 E2, in dem Rallye-Legende Walter Röhrl in den Achtzigern Erfolge feierte. Auf direkte Duelle im RallyCross oder Super Special Stages muss man jedoch im Gegensatz zu Dirt 2.0 verzichten – bei EA Sports WRC stehen ausschließlich Rennen gegen die Uhr auf der Tagesordnung, bei denen man alleine und nur mit Unterstützung des Co-Piloten über die Pisten brettert. Selbst bei Online-Events für bis zu 32 Teilnehmer nimmt man zwar gleichzeitig die Strecke in Angriff, doch werden die Fahrzeuge der Mitspieler lediglich als Geisterwagen angezeigt, es gibt also keinerlei Kollisionen. Sowohl in direkten Multiplayer-Duellen als auch beim Zeitfahren oder asynchronen Events in eigens erstellten Rennclubs kann man übrigens plattformübergreifend gegeneinander antreten, muss sich dafür aber über ein EA Racenet-Profil zusätzlich miteinander vernetzen.
Rudimentäre Karriere und enttäuschender Fahrzeug-Bau
Solisten dürfen entweder die offizielle Meisterschaft absolvieren, eigene Kalender zusammenstellen oder sich im Karrieremodus zusätzlich mit einem Personal- und Finanzmanagement auseinandersetzen. Aufgrund der sehr rudimentären Struktur und enttäuschenden Präsentation sollte man aber nicht zu viel erwarten und schon gar nicht auf eine ähnlich motivierende Karriere wie in den F1-Spielen hoffen. Gleiches gilt für das groß angepriesene Builder-Feature, in dem man sich von Grund auf einen eigenen Rallye-Wagen zusammenbauen darf, angefangen beim Antrieb über die Karosserie bis zum Interieur. Denn die gebotenen Vorlagen für die einzelnen Teile sind recht generisch und Variationen halten sich in Grenzen – da hatte selbst das so genannte Autosculpt aus früheren Need-for-Speed-Spielen mit Blick auf eine individuelle Optik schon deutlich mehr zu bieten.
Gelungene Fahrphysik
Aber viel wichtiger ist, wie sich sowohl die Lizenz-Gefährte als auch die Flitzer Marke Eigenbau fahren. Hier kann ich Entwarnung geben: Mit der Fahrphysik von Dirt Rally 2.0 als Unterbau erlebt man mit Controller, besser aber noch mit einem guten Force-Feedback-Lenkrad sehr viel Spaß hinterm Steuer. Wie beim Reboot von Forza Motorsport müssen beim Force Feedback aber auch hier erst ein paar Feineinstellungen vorgenommen werden, bis es wirklich passt. Dann aber macht es vor allem auf Schotterpisten richtig Freude, mit gezogener Handbremse durch die Kurven zu driften und jede Unebenheit zu spüren – das ist nochmal ein anderes Level als das haptische Feedback des PS5-Controllers, das aber zumindest im Ansatz ein gutes Gefühl für die einzelnen Fahrzeuge vermittelt. Die rasanten Ausflüge über Asphaltpisten wurden zwar im Vergleich zu Dirt Rally verbessert, aber zu oft bricht das Heck vieler Boliden immer noch viel zu plötzlich aus und lässt sich deshalb nicht mehr schnell genug abfangen, weil man sich nicht gut genug ans Limit herantasten kann. Abhilfe schaffen hier höchstens die optionalen Fahrhilfen, doch können sich Anfänger auch in der rudimentären Fahrschule in mehreren Lektionen an den Rallye-Motorsport heran tasten. Insgesamt wirkt die Fahrphysik mit ihrer Mischung aus Anspruch und Fahrspaß einen Tick zugänglicher als früher. Und auch die KI-Stufen von 0-100 fallen etwas zahmer aus, bieten auf den höheren Stufen aber weiterhin eine ordentliche Herausforderung. Schäden wirken sich nicht nur auf die Karosserie, sondern auch die Fahrphysik aus – vor allem, wenn man sich für das realistischere Schadensmodell entscheidet, bei dem Ausflüge deutlich schneller in einem Totalschaden enden können. Eine Rückspufunktion gibt es hier nicht, doch kann man auf Wunsch die Etappen jederzeit neu starten.
Der Technik-Motor stottert (noch)
Zwar sind wir hier in der Kategorie „Technik-Tipp“, aber ausgerechnet in diesem Bereich lässt EA Sports WRC aktuell noch zu wünschen übrig. Enttäuschend ist zum einen die Tatsache, dass sich der grafische Sprung im Vergleich zu Dirt Rally 2.0 von 2019 in Grenzen hält und die Kulissen z.B. durch starke Pop-ups oder schwache Wettereffekte mitunter sogar qualitativ abgebaut haben – und das, obwohl das WRC-Spiel nur noch für aktuelle Konsolen und den PC erscheint, damit also technisch nicht von alten Plattformen wie PS4 und Xbox One ausgebremst werden musste.
Dass die Umstellung von der EGO-Engine auf die Unreal Engine 4 noch einige Hürden mit sich bringt, erkennt man aber vor allem an den Performanceproblemen: Dass bei den Kamerschwanks vor und nach den Etappen das Bild zuckelt, lässt sich vielleicht noch verschmerzen. Aber dass während der Fahrt das Geschehen manchmal für einen kurzen Moment einfriert, ist vor allem bei Rennspielen ein absolutes No-Go – vor allem, wenn man so schnell auf Hindernisse oder scharfe Kurven reagieren muss wie bei WRC. Trauriger Tiefpunkt war der Abstecher auf der Etappe Maririe, bei dem die Bildrate ab der Ankunft in einem Dorf plötzlich spürbar und dauerhaft in den Keller ging und sich erst wieder auf die 60fps berappelte, nachdem das Areal verlassen wurde. Angesichts dieser Eindrücke überrascht es nicht mehr, warum Codemasters bisher keine Unterstützung für PSVR 2 angekündigt hat. Auf dem PC soll ein VR-Modus immerhin noch zu einem späteren Zeitpunkt nachgereicht werden. Für den 14. Dezember ist außerdem ein erstes großes Update für EA Sports WRC angekündigt, bei dem hoffentlich auch die Performance-Probleme aus der Welt geschafft werden.
Ein umfangreicherer Test folgt in Kürze bei Rennspieler.de. Ab 2024 sind dort auch regelmäßige Online-Wettbewerbe geplant. Wer daran teilnehmen möchte, kann bereits jetzt dem offiziellen Rennspieler-Club für WRC im Racenet beitreten. Bis Codemasters die technischen Probleme in den Griff bekommen hat, wird es vorher allerdings noch eine Abschiedsmeisterschaft in Dirt Rally 2.0 GOTY geben. Hier können Interessierte noch diesem Club beitreten.
