Nach Forza Motorsport 7 wäre ein achter Teil der populären Rennspielreihe eigentlich der logische Schritt gewesen. Stattdessen haben sich Microsoft und die Turn 10 Studios für die erste Fahrt auf die neue Konsolengeneration für einen Reboot entschlossen. Kann Forza Motorsport nach sechs langen Jahren Entwicklungszeit so richtig durchstarten?
Neuer Start in alte Gefilde
Grundsätzlich bietet das neue Forza Motorsport viel von dem, was man bereits in den Vorgängern vorgefunden hat: Der Fuhrpark fällt mit über 500 Fahrzeugen zwar etwas kleiner aus als zuvor, beinhaltet aber erneut eine breite Palette an lizenzierten Modellen verschiedener Klassen und Jahrzehnte, darunter Klassiker wie den Aston Martin DB5 von 1964, Tuner-Lieblinge wie den VW Corrado, flotte Supersportwagen wie den Porsche Carrera GT und sogar reinrassige Rennmaschinen wie den Bentley Continental GT3. Dabei fällt zwar auf, dass viele Karossen bereits per Copy & Paste aus den Vorgängern übernommen wurden, aber es finden sich auch interessante Neuzugänge wie die Elektro-Geschosse von Rimac.
Wie gehabt tüftelt man in der Garage am Setup herum, tobt sich als Künstler im Lackierungs-Editor aus oder bohrt mit Tuning-Teilen wie Turbolader, Sport-Auspuff und Rennfahrwerk die Leistung seiner Boliden auf. Dabei verfolgt man jedoch erstmals einen anderen Ansatz: Mit den gewonnenen Ingame-Credits lassen sich zwar neue Fahrzeuge erwerben, aber die Tuning-Teile müssen erst für jedes einzelne Modell mühsam freigeschaltet werden, indem man lange mit ihnen fährt, um dadurch mit Stufenaufstiegen sowie den entsprechenden Teilen belohnt zu werden. Nicht umsonst wird Forza Motorsport gerne als CaRPG bezeichnet – also ein Rollenspiel rund um Autos. Das mag zwar durchaus frisch wirken, aber persönlich kann ich mit diesem Ansatz überhaupt nichts anfangen. Ich brauche keine Stufenaufstiege oder andere überflüssige Rollenspielelemente in einem Rennspiel, sondern will einfach nur fahren und jederzeit die Möglichkeit haben, das Auto meiner Wahl wann immer ich will mit Tuning-Teilen meiner Wahl gegen Credits aufrüsten zu können. Stattdessen wird einem ein überflüssiger Grind aufgezwungen, selbst wenn die Stufenaufstiege und damit weitere Freischaltungen relativ zügig erfolgen. Trotzdem fühlt man sich in der Freiheit immer wieder eingeschränkt und das ist einfach schade.
Dröge Karriere
Das gilt auch für den Designansatz bei der Karriere, bei der man lediglich im Rahmen vorgegebener Cups die Rennen unter vorgegebenen Bedingungen abklappert, um anschließend weitere Veranstaltungen freizuschalten und selbstverständlich die Fahrzeug-Stufe zu erhöhen. Das alles wirkt einfach nur angestaubt und man vermisst einen gewissen Pepp, für den in früheren Teilen z.B. die Crew des alten Top-Gear-Teams rund um Jeremy Clarkson gesorgt hatte. In diesem Zusammenhang muss auch erwähnt werden, dass ForzaVista mittlerweile zu einem recht gewöhnlichen Ausstellungsraum zurückgestutzt wurde. Immerhin wird jetzt empfohlen, vor jedem Rennen ein Training über mindestens drei Runden zu absolvieren, um sich zu akklimatisieren. Eine Qualifikation wird dagegen nur in den Online-Rennen geboten, während man innerhalb der Karriere seine Startposition quasi selbst bestimmen darf. Wer dabei ein höheren Risiko eingeht, kann höhere Preisgelder abstauben, genau wie beim Verzicht auf die optionalen Fahrhilfen und die Erhöhung der insgesamt acht KI-Stufen. Wie zuvor tritt man gegen bis zu 23 Drivatare an, deren fahrerisches Können an die Leistung ihrer realen Spielervorbilder angelehnt ist. Diese lernfähige künstliche Intelligent agiert dadurch zwar menschlich und sorgt dadurch für eine gewisse Dynamik, aber gleichzeitig agiert sie stellenweise auch erschreckend dämlich und fährt ziemlich aggressiv.
Beim Blick auf die Online-Duelle gegen reale Gegner überrascht das nicht: Trotz des neuen Einstufungs- und Strafsystems wird hier mit sehr harten Bandagen gekämpft – teilweise gleichen die Positionskämpfe einem rücksichtslosen Destruction Derby, doch es besteht zumindest die Hoffnung, dass das neue System irgendwann in der Lage sein wird, die Rempel-Rowdies von den ambitionierteren Fahrern zu trennen und die Lobbys entsprechend zu füllen. Aber seid gewarnt: Bis dahin muss man auf den Online-Pisten viel Frustresistenz mitbringen und sich selbst eine gewisse Grundaggressivität aneignen, um sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen! Ein voll aktiviertes Schadensmodell könnte dafür sorgen, dass etwas vorsichtiger hinter dem Steuer agiert wird: Mit den paar Kratzern und Beulen macht es zwar visuell nicht besonders viel her, aber unter Simulationsbedingungen beeinträchtigen schwere Schäden durchaus Leistung und Lenkung, auch wenn das alles immer noch recht oberflächlich wirkt.
Verbesserte Fahrphysik
Den größten Sprung macht das neue Forza Motorsport bei der Fahrphysik: Die einzelnen Modelle überzeugen nicht nur mit ihren individuellen Fahreigenschaften, sondern das Verhalten der Boliden wirkt authentisch und nachvollziehbar, selbst wenn hier nicht das Niveau einer Hardcore-Simulation wie Assetto Corsa Competizione oder gar iRacing erreicht wird. Das ist Simcade, also eine gute Mischung aus Simulation und Arcade-Fahrspaß, wobei das Pendel hier auch mit Blick auf die umfangreichen Setup-Optionen vielleicht etwas stärker in Richtung Simulation ausschlägt.
Vor allem die Steuerung mit dem Controller ist hervorragend gelungen und mit dem entsprechenden Feingefühl hat man die Fahrzeuge sehr gut unter Kontrolle, wobei nasse Bedingungen naturgemäß eine höhere Aufmerksamkeit und Können erfordern, genau wie das Abschalten von Hilfen wie der Traktions- und Stabilitätskontrolle. Mit einem Force-Feedback-Lenkrad wie dem Fanatec DD Pro sieht es dagegen etwas anders aus, denn die Voreinstellungen sind aufgrund des miserablen Force Feedbacks kaum zu gebrauchen. Hier muss man sich entweder selbst in die Materie einarbeiten oder nach sinnvollen Anleitungen im Internet suchen, bis sich auch am Wheel endlich Fahrspaß einstellt.
Raytracing unter der Haube
Technisch macht Forza Motorsport nicht mehr die ganz großen Sprünge wie früher, aber vor allem auf Nassen Strecken macht das Raytracing mit vielen tollen Spiegelungen vor allem an potenten PCs etwas her und die Bildrate wirkt ebenfalls stabil bei 60fps und sorgt in der gelungenen Auswahl an Innen-/Außenperspektiven für ein gutes Geschwindigkeitsgefühl. Dazu röhren die Motoren herrlich aus allen Lautsprechern und es wird während des Rennens aus gutem Grund keine Hintergrundmusik über die kernigen Motorenklänge gelegt.
Abstriche bei Umfang und Einschränkungen
Schade ist, dass bisher nur etwa 20 Rennstrecken im Spiel enthalten sind, darunter aber immerhin bekannte Pisten wie Spa Francorchamps, Suzuka und Le Mans sowie die fiktive Strecke Marple Valley. Zwar kann man auch schon über den Nürburgring düsen, aber die extrem beliebte Nordschleife soll erst im nächsten Jahr mit einem Update nachgereicht werden. Gleiches dürfte für weitere Schauplätze gelten, die man aktuell noch vermisst. Dazu zählen etwa Monza, Road Atlanta oder Sebring, die im Vorgänger noch alle enthalten waren.
Gleiches lässt sich über lokale Duelle am geteilten Bildschirm sagen, die jetzt beim Neustart der Reihe fehlen, aber in der Vergangenheit vermutlich nicht viel genutzt wurden. Richtig ärgerlich ist dagegen, dass jetzt es jetzt auch bei Forza Motorsport quasi einen Onlinezwang gibt, um das Spiel richtig spielen zu können. Bei Online-Duellen oder dem Rivalen-Modus ergibt das freilich Sinn, aber jetzt benötigt man sogar schon für das Spielen der Karriere eine Online-Verbindung. Ist sie nicht vorhanden oder können die Server des Spiels nicht erreicht werden, hat man lediglich Zugriff auf das freie Spiel für Einzelrennen, für die man sich aber immerhin auch hinter das Steuer von Mietwagen klemmen darf.
Turn 10 muss noch einen Gang höher schalten
Der Neustart von Forza Motorsport erinnert ein bisschen an den Kauf eines Neuwagens, bei dem man einen Teil der Ausstattung des Vorgänger-Modells vermisst. Das Fahren fühlt sich zwar insgesamt spürbar besser an als früher, alles sieht schicker aus, aber die ganz große Begeisterung will sich irgendwie noch nicht einstellen. Das dürfte sich ändern, sobald Turn 10 weitere Inhalte nachliefert, insbesondere zusätzliche Strecken wie die Nordschleife. Und vielleicht findet man ja noch Mittel und Wege, um die dröge Karriere noch etwas aufzupeppen und ein überzeugendes Force-Feedback am Lenkrad ohne umständliche Nachjustierungen zu ermöglichen. Der nervige CaRPG-Ansatz wird aber vermutlich bleiben und die Racing-Fans spalten. Ist die Spreu vom Weizen getrennt, sehe ich aber viel Potenzial in den Online-Rennen dank des Straf- und Einstufungssystems, das früher oder später hoffentlich für faire, saubere, aber dennoch spannende Rennen sorgen dürfte, während sich die Pisten-Rowdies unter sich in ihr Destruction Derby stürzen können. Eine detailliertere Analyse zu Forza Motorsport folgt demnächst bei Rennspieler.de .
