Still Wakes The Deep schöpft Inspiration vom Carpenter-Klassiker "Das Ding aus einer anderen Welt" und entfesselt den Horror auf einer abgelegenen Öl-Bohrinsel. Mehr dazu im Test!

 Name: Still Wakes The Deep
Genre: Survival-Horror
Entwickler: The Chinese Room 
Publisher: Secret Mode
Plattform: PC, PlayStation 5, Xbox Series X|S (getestet)
Veröffentlichung: 18.06.2024
Preis: ab 34,99 Euro

In Still Wakes The Deep inszenieren die Entwickler von The Chinese Room einen Zwischenfall der übernatürlichen Art und schicken die Spieler in einen dramatischen Überlebenskampf auf einer Bohrinsel in der Nordsee. Ob der Titel für Panik und Gänsehaut sorgen kann, verrät der Test!


Horror auf hoher See


Mit dem Thema Horror kennt man sich bei The Chinese Room aus: Amnesia: A Machine for Pigs konnte zwar nicht ganz an die Qualitäten des kultigen Vorgängers Amnesia: The Dark Descent anknüpfen, hatte aber trotz simpler Mechaniken durchaus starke Momente – jedenfalls mehr als der enttäuschende Wandersimulator Everybody’s Gone To The Rapture vom gleichen Studio, das der Wirkung einer Schlaftablette gleicht.
 

Davon ist man bei Still Wakes The Deep zum Glück weit entfernt: Dafür sorgt zum einen der hervorragend gewählte Schauplatz einer Öl-Bohrinsel, die mit viel Liebe zum Detail designt wurde und mit ihren vielen engen Gängen, Schächten und der Abgeschiedenheit umgeben von Wasser prädestiniert ist für eine fesselnde Horrorgeschichte. Zum anderen hält die spannende Atmosphäre bei der Stange, die sich zwar erst langsam aufbaut, aber bereits in der Anfangsphase Neugier weckt, was genau bei dem Zwischenfall im Rahmen einer Bohrung passiert ist und was es mit der seltsam organischen Struktur auf sich hat, die sich seitdem auf der gesamten Bohrinsel ausbreitet.


Das Ding aus der Tiefe


Es kommt natürlich, wie es kommen muss – und wie man es auch aus Filmklassikern wie John Carpenters „Das Ding aus einer anderen Welt“ („The Thing“), Alien oder „Underwater“ mit Kristin Stewart kennt: Irgendwann sind der Glibber und die schwer beschädigte Bohrinsel nicht länger die einzige Bedrohnung für Leib und Leben, sondern bizarre Kreaturen blasen zur tödlichen Jagd auf die verbleibenden Crew-Mitglieder. Einer von ihnen ist der Elektriker Cameron "Caz" McLeary, in dessen Rolle man schlüpft. Dank Ego-Perspektive erlebt man dabei alles aus seinen Augen und da auf Bildschirmanzeigen weitestgehend verzichtet wird, wirkt das Erlebnis entsprechend immersiv. Zwar haben ihm die Story-Schreiber eine kleine Hintergrundgeschichte rund um Eheprobleme verpasst, die in verschwommenen Rückblenden oder vereinzelten Dokumenten aufgegriffen wird, aber angesichts der bedrohlichen Ereignisse auf der Bohrinsel gerät sie schnell in den Hintergrund.

Denn als McLeary hat man alle Hände voll zu tun, sich einen Weg durch die halb zerstörte Umgebung zu bahnen, der Mannschaft zu helfen und dabei nicht selbst zum nächsten Opfer zu werden. Bei der Bohrinsel handelt es sich quasi um das Gegenteil einer offenen Spielwelt: Man folgt überwiegend streng linearen Pfaden und da die meisten Türen zu Räumen verschlossen sind, hält sich die Freiheit der Erkundung in engen Grenzen. Viel zu entdecken gibt es ohnehin nicht abseits der wenigen Dokumente, die mehr oder weniger interessante Einblicke gewähren. Oder aber die Hebel oder Ventile, die für das Weiterkommen nötig sind und bei einem plötzlich auftretenden Gasleck auch schon mal unter Zeitdruck gefunden werden müssen. Persönlich empfinde ich es als sehr angenehm, dass man hier im Gegensatz zu den meisten heutigen Spielen nicht im Sekundentakt mit Sammelkram und Belohnungen bombardiert wird, sondern sich auf das Wesentliche konzentriert.


Wehrlos ausgeliefert   


Und das besteht im Kern darin, sich zur Not mit Sprung-, Tauch- und Klettereinlagen sowie schwindelfreiem Balancieren einen Weg durch die Bohrinsel mit all ihren engen Gängen, überfluteten Abschnitten sowie Leitern zu bahnen und die Konfrontationen mit den Kreaturen zu überleben. Da man den Biestern hilflos ausgeliefert ist und man vermutlich selbst mit Waffengewalt den Kürzeren ziehen würde, kann man dem sicheren Tod hier nur mit Verstecken und dem Werfen von Gegenständen als Ablenkungsmanöver entkommen oder muss in geskripteten Fluchtsequenzen die Beine in die Hand nehmen und zum nächsten Ausgang sprinten. Schnell werden Erinnerungen an Alien Isolation & Co wach, wenn man in einem Spind kauert oder in einem sicheren Schacht den Feind und dessen Laufwege analysiert, um im richtigen Moment die Position zu wechseln.


Spielmechanisch ist Still Wakes The Deep allerdings deutlich simpler aufgebaut: Hier müssen nicht ein Arsenal an Items mühevoll gemanagt, komplexe Rätsel gelöst oder irgendwelche Charakterfähigkeiten freigeschaltet werden. Vermisst habe ich es nicht! Hin und wieder greift man für die Löschung von Bränden zur Abwechslung mal zum Feuerlöscher oder muss sich erst die Hände an einem Heizofen wärmen, um weitermachen zu können. Obwohl es angesichts des linearen Aufbaus schwer ist, sich auf dem Weg zum nächsten Ziel zu verlaufen, hängen immer wieder Karten an den Wänden, auf denen die Räume in der Nähe und die eigene Position markiert sind. Darüber hinaus liefern gelbe Anstriche in der Umgebung visuelle Hinweise für Routen und auf Knopfdruck lässt sich die Richtung zum nächsten Ziel einblenden.    


Keine große Herausforderung


Still Wakes The Deep stellt weder spielerisch noch für die grauen Zellen eine große Herausforderung dar. Die Begegnungen mit den Kreaturen lassen sich mit etwas Vorsicht problemlos meistern. Und selbst wenn man erwischt wird oder die Flucht nicht gelingt, halten die vielen und fairen Checkpunkte den Frustpegel erfreulich niedrig. Lediglich in vereinzelten Sprung- oder Tauchsequenzen kann man sich ärgern, weil nicht verständlich kommuniziert wird, wie man den Absturz oder das qualvolle Ertrinken verhindern soll. Entsprechend benötigen diese Situationen schon mal mehrere Versuche.

Obwohl der Schwierigkeitsgrad generell vergleichsweise niedrig angesetzt ist, bekommen Angsthasen mit der Story-Variante eine Option, die Geschichte mit ihrer Dauer zwischen fünf und sechs Stunden noch gefahrloser zu erleben. Bei den Grafikoptionen hat man ebenfalls die Wahl und darf sich zwischen einem Qualitäts- und Performance-Modus entscheiden. Da die Bildrate bei Ersterem hin und wieder zu kämpfen hat und sich die grafischen Abstriche in Grenzen halten, würde ich persönlich aufgrund der besseren Spielbarkeit zum Performance-Modus raten. Zudem kann es nicht schaden, seine Englischkenntnisse im Allgemeinen und den schottischen Akzent im Speziellen aufzupeppen, denn die deutsche Lokalisierung beschränkt sich in Gesprächen auf eher suboptimal dargestellte Untertitel. Da hilft es auch nicht, dass die Sprecher einen überzeugenden Eindruck hinterlassen, wenn man viele Aussagen einfach nicht versteht. Was dagegen ankommt, sind die vielen Schimpfwörter, die hier vom Stapel gelassen werden.   
 

Fazit:


Die Bohrinsel ist ohne Zweifel das Highlight von Still Wakes The Deep und eignet sich als Schauplatz hervorragend für den Horror-Trip auf hoher See, der sich weniger durch spielerische Tiefe und Anspruch, sondern vor allem durch die packende Atmosphäre samt großartiger Klangkulisse auszeichnet. Obwohl der simple und extrem lineare Spielverlauf voller geskripteter Momente phasenweise viele Ähnlichkeiten mit einem Walking Simulator oder interaktiven Film aufweist, funktioniert Still Wakes The Deep als kurzes, aber intensives Erlebnis prächtig, selbst wenn man kaum ein Wort der fluchenden Schotten versteht. Und das Beste: Nach dieser aufregenden und spannenden Flucht von der Bohrinsel kann ich The Chinese Room meine verschwendete Lebenszeit in Everybody’s Gone To The Rapture endlich verzeihen.

 Worum geht’s?

In Still Wakes The Deep dreht es sich um einen Überlebenskampf auf einer Bohrinsel, die von einem übernatürlichen Ereignis heimgesucht wird. Angesiedelt in den 70er-Jahren übernimmt man die Rolle eines Arbeiters und versucht, sich selbst und die restlichen Crew-Mitglieder zu evakuieren, bevor sie der tödlichen Bedrohung zum Opfer fallen. Spielerisch wartet eine Mischung aus Sprungeinlagen, kleinen Rätseln, Schleichabschnitten und Fluchtsequenzen, die man allesamt in der Ego-Perspektive erlebt.  
          

Still Wakes The Deep ist geeignet für Spieler, die...

    • eine beklemmende Atmosphäre lieben 
    • sich gerne auf Bohrinseln rumtreiben
    • ein lineares Spielerlebnis bevorzugen

Still Wakes The Deep ist weniger geeignet für Spieler, die...

    • sich ungern wehrlos fühlen
    • spielerische Tiefe und Freiheiten erwarten
    • ein Problem mit vielen Schimpfwörtern haben

Alternativen: Amnesia: The Bunker, Outlast, Slender: The Arrival