Hausaufgaben gehören zum Schulalltag - aber was, wenn sie regelmäßig zu Tränen, Streit und Erpressung führen? In dieser Kolumne schreibe ich ehrlich und reflektiert über meinen Alltag zwischen Mathehausaufgaben und Beziehungspflege. Plus: Echte Tipps, wie Eltern besser durch die Hausaufgabenzeit kommen.

Mendig |

Beziehung vor Erziehung – und dann kam das Mathebuch


Ich bin bekennende Gegnerin von Hausaufgaben. Ich finde, sie gehören abgeschafft. Punkt. Nicht nur, weil ich als Pädagogin den pädagogischen Nutzen für fragwürdig halte, sondern vor allem, weil sie in der Praxis das sind, was sie nicht sein sollten: ein täglicher Konfliktherd.

Trotzdem sitze ich hier. Neben meinem Kind. Das auf sein Heft starrt wie auf eine geheime Botschaft vom Mars. Das lieber zwanzig Minuten diskutiert, warum es das jetzt nicht machen muss, anstatt es einfach in fünf Minuten abzuhaken. Das plötzlich „nicht mehr weiß“, wie man schriftlich dividiert, obwohl es das gestern noch konnte.

Und ich? Ich atme tief durch, erinnere mich an meine Haltung („Beziehung vor Erziehung, Dani!“), an all die guten Tipps, die ich anderen Eltern gebe. Nur um zwei Minuten später festzustellen, dass ich mit verschränkten Armen und hochgezogener Augenbraue da sitze und einen Satz sage, den ich eigentlich nie sagen wollte: „Wenn du das jetzt nicht machst, gibt’s heute keinen Bildschirm mehr.“



Waldorf light – und trotzdem Streit



Wir haben es gut, eigentlich. Waldorfschule. Ein anderes Tempo, ein anderer Umgang. Unsere Klassenlehrerin ist offen für Absprachen, individuelle Lösungen sind möglich, der Druck ist – im Vergleich zum Regelschulsystem – deutlich geringer.

Und trotzdem. Täglich derselbe Tanz: „Hast du Hausaufgaben?“ – „Ja.“ – „Machst du sie?“ – „Gleich.“ – „Wann ist gleich?“ – „Später.“ – „Später ist jetzt.“ – „Du hast mir gar nichts zu sagen!“

Es ist nicht das, was ich will. Kein Machtkampf. Kein Drama. Und schon gar kein Streit ums Lernen. Ich will ein Kind, das gerne lernt. Oder zumindest bereit ist, sich kurz zu konzentrieren, um danach wieder in seinen wohlverdienten Spielmodus zu wechseln.

Aber ich habe ein Kind, das zur Kategorie „Nur das Nötigste – und das mit geringstem Aufwand“ gehört. Und das gerade an der Tür zur Vorpubertät steht und dabei neue Methoden entwickelt, sich der elterlichen Einflussnahme zu entziehen.


Hausaufgaben als Beziehungstest



Ich sehe es auch bei anderen Familien. Hausaufgabenzeit ist oft Krisenzeit. Da sitzen Kinder, die Hilfe brauchen – und Eltern, die entweder keine Zeit, keine Nerven oder keine Ahnung haben. Oder die einfach nicht die Lehrperson ihres eigenen Kindes sein wollen. Verständlich.

Hausaufgaben entlarven, was im System schiefläuft: fehlende Chancengleichheit, überladene Lehrpläne, mangelnde Rücksicht auf individuelle Lebensrealitäten. Es ist absurd, wie sehr das, was in der Schule nicht geschafft wird, auf dem Rücken der Familien ausgetragen wird.



Was hilft – vielleicht



Ich bin keine perfekte Mutter, kein Guru und auch nicht frei von Drohungen, Erpressung oder Flucht in Sarkasmus. Aber ich habe über die Jahre ein paar Dinge gesammelt, die zumindest manchmal helfen:

- Klare Zeiten statt ständiger Diskussionen. Hausaufgaben direkt nach dem Essen oder zu einem festen Zeitpunkt, der vorher abgesprochen ist.

- Eigenverantwortung übergeben. Nicht mehr daneben sitzen. Nur noch helfen, wenn das Kind fragt. Und auch mal sagen: „Dann geh halt morgen ohne Hausaufgaben hin.“ (Und das auch aushalten.)

- Positive Atmosphäre schaffen. Nicht immer leicht. Aber Musik, Kerze, Lieblingsstift können kleine Wunder wirken.

- Lösungen mit der Schule suchen. Individuelle Absprachen, Entlastung, alternative Lernwege – oft ist mehr möglich, als man denkt.

- Die Perspektive wechseln. Sich selbst erinnern: Mein Kind ist nicht faul. Es ist müde, überfordert, gelangweilt, genervt – wie ich auch.

- Erfolge feiern. Auch, wenn’s nur die halbe Seite Mathe war. Hauptsache, es wurde gemacht – ohne Tränen.




Kindheit ist wichtiger als Hausaufgaben



Ich glaube fest daran: Im Grundschulalter sagt weder eine Note noch die Frage, ob die Hausaufgaben immer gemacht wurden, etwas darüber aus, wie erfolgreich ein Kind einmal sein wird. Was wirklich zählt, ist, wie es sich selbst erlebt: als fähig, als getragen, als wertvoll.

Und vielleicht, ganz vielleicht, kann man auch dann ein glückliches und kluges Leben führen, wenn man in der vierten Klasse mal eine Hausaufgabe vergessen hat.

Haltet durch, es geht vorbei.

Eure Dani