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Vor 100 Jahren druckte Niederlahnstein eigenes Geld

Vorderseite des Notgelds (Fotos: Sammlung Stadtarchiv Lahnstein)


Im Herbst 1922, wenige Wochen nachdem die Stadt Oberlahnstein Notgeld herausgab, ließ auch Niederlahnstein „zur Erleichterung des Zahlungsverkehrs“ städtisches Notgeld als gesetzliches Zahlungsmittel für den Ortsbereich drucken. Es handelt sich um 20-Mark-Scheine, die motivgleich in grünschwarz, blauschwarz und rotbraun gedruckt wurden. Unterzeichnet von Bürgermeister Rustenbeck und dem Beigeordneten Faust, tragen sie als Datum den 10. Dezember 1922.

Rheinisch humorvoll ist abgebildet wie der Dukatenmann, als Teufel dargestellt, die Steuerschraube immer fester zieht und so aus dem deutschen Michel das letzte Geld herauspresst. Das Lahnsteiner Tageblatt schrieb: „Die Rückseite zeigt in recht origineller und vielsagender Aufmachung [...] den Dukatenmann, der früher mit blanken, klingenden Goldmünzen die Menschheit bedachte, speit heute die arg entwerteten Papierscheine, die von noch einfältigeren Hamstern gesammelt und zu Hause in Truhen und Kisten aufgestapelt werden, zum Schaden der Allgemeinheit … Wir sehen den Steuerkontrolleur die ausgespienen Scheine notieren, die von dem geldgierigen Hamsterer zusammengerafft und aufgestapelt werden, während der Steuererheber klagt und mahnt: Vergnügungs-, Nacht- und Fremdensteuer sind nicht beliebt, wohl aber teuer; auch klagen Haus- und Grundbesitz, Gewerbe, Industrie, ob ihrer Drosselung wie noch nie! Trotzdem Ihr Leutchen lassts Euch sagen, hier hilft kein Zaudern und kein Klagen, der Stadtsäckel ist leer, drum gebt Eure Gelder her!“ Auf der Vorderseite trägt der Schein das Bild der Johanniskirche, eingerahmt zu beiden Seiten von dem Stadtwappen und der Wertangabe „Gut für 20 Mark“. Die Drucklegung erfolgte Mitte Dezember durch die Firma Schickel, Inhaber Fritz Nohr, die auch die Lahnsteiner Zeitung herausgab.

Ursprünglich war angedacht, die Scheine bei einer Münchner Firma drucken zu lassen. Der Reichsfinanzminister hatte der Stadt Niederlahnstein bereits am 5. Oktober die Ausgabe von 5 Millionen Mark Notgeld in Stücken bis 500 Mark gestattet. Da die Münchner wegen Überlastung der Bestellung nicht nachkamen, wurden die Scheine in Oberlahnstein in Auftrag gegeben. Es wurden aber nur 20.220 Scheine zu je 20 Mark unter Aufsicht von drei Polizeibeamten gedruckt. Die Herstellungskosten betrugen 145.000 Mark. In der Presseankündigung wurde das Niederlahnsteiner Notgeld zu Sammlerzwecken angepriesen, worauf die Reichbanknebenstelle Oberlahnstein fast gegen die Ausgabe Einspruch erhoben hätte, doch davon Abstand nahm, „wenn es sich nur um geringe Summen handelt und wenn die Anpreisung zu Sammlerzwecken unterbleibt“. Hintergrund war, dass die finanzministerielle Genehmigung nur zur Abhilfe der eine Zeit lang bestehenden Zahlungsmittelknappheit erteilt worden war.

Die Stadt Niederlahnstein musste einen Fonds in Höhe des ausgegebenen Gesamtbetrages (minus Herstellungskosten) bilden, der bis zum Ablauf der Einlösungsfrist bei der Reichskreditgesellschaft in Berlin hinterlegt wurde. Da das Notgeld zum 5. Februar 1923 aufgerufen wurde, musste es bis 5. März eingelöst werden. Anschließend hatte es nur noch Sammlerwert.

Die Inflation schritt unterdessen rapide fort. Im Juli 1923 ließ Niederlahnstein zeitlich befristete „Gutscheine“ von 25.000 Mark bis 1 Million Mark drucken. Diese Gutscheine waren vom Fürsorgeamt ausgegebene Warenbezugsscheine über den aufgedruckten Nennwert zum einmaligen Gebrauch. Im August und September wurde weiteres Notgeld herausgegeben, die als „Kassenscheine“ mit Nennwerten von 100.000 Mark bis zu 10 Millionen Mark deklariert waren. Die höchsten „Gutscheine“ zu 100 Millionen und 200 Millionen Mark tragen das Datum des 20. September 1923. Die Einführung der Rentenmark am 20. November 1923 machte auch hier dem Spuk ein Ende und legte den Grundstein für eine Konsolidierung der deutschen Wirtschaft. Aus einer Billion Mark wurden 1 Rentenmark.

Das Not- und Inflationsgeld der Städte Nieder- und Oberlahnstein sowie des Kreises St. Goarshausen aus den Jahren 1917 bis 1923 ist im Stadtarchiv Lahnstein montags bis freitags bis Ende Dezember zu besichtigen.